SuchtAktuell - Heft 2/2007

In dieser aktuellen Ausgabe von "Sucht aktuell" finden Sie Beiträge zu folgenden Themen:

  • R. Schneider zeigt die vielfältigen Facetten des Themas "Behandlungsqualität" in seinem Beitrag auf. Hierbei handelt es sich um den Abschlussvortrag des 20. Heidelberger Kongresses, den er unter das Motto "Zu welcher Behandlung raten Sie einem suchtkranken Freund?" gestellt hatte. Er beleuchtet das Thema aus verschiedenen Perspektiven und stellt 10 Kriterien auf, an denen sich die Qualität der Suchtbehandlung bemisst. Um Qualitätsentwicklung zu einem dauerhaften, lebendigen und erfolgreichen Prozess werden zu lassen, fordert er den Prinzipien "Mut statt Kleinmut", "Entfaltung statt Verwaltung" und "Urteilsfähigkeit statt Zahlengläubigkeit" zu folgen.
  • Prof. Dr. M. Zielke stellt in seinem Beitrag neue Ergebnisse aus der gemeinsamen Studie der DAK, des Fachverbandes Sucht e. V. und des Wissenschaftsrats der AHG AG vor. Hierbei wurde das alkoholassoziierte Krankheitsgeschehen der Untersuchungsstichprobe (DAK-Versicherte), die im Jahr 2002 eine Entgiftung im Akutkrankenhaus durchgeführt hatte, unter einer altersbezogenen Perspektive ausgewertet. Es zeigte sich, dass in den drei Folgejahren (2003-2005) 7,4 % der Ausgangsstichprobe verstarben. Das mittlere Sterbealter betrug bei den Männern 55,7 Jahre, bei den Frauen 60,4 Jahre. In eine Rehabilitationsmaßnahme aufgrund der Alkoholabhängigkeit gelangten im Folgejahr 2003 lediglich 5,4 %, im zweiten Folgejahr 4,1 % und im dritten Folgejahr nur noch 0,71 %. Lediglich bei 24,3 % der Untersuchungsstichprobe gab es kein Krankheitsereignis in den drei Folgejahren, das mit einer F10-Diagnose codiert wurde. Von den durchgängig Erwerbstätigen, die im Jahr 2002 zusätzlich eine stationäre Rehabilitation angetreten hatten, wiesen 49,2 % in den drei Folgejahren keinen Ressourcenverbrauch in Verbindung mit einer F10-Diagnose auf. Im dritten Folgejahr 2005 hatten immerhin 80,3 % dieser ausgewählten Stichprobe keinen Ressourcenverbrauch in Verbindung mit einer Alkoholabhängigkeit. Des weiteren zeigen sich im Vergleich der Rückfälligen zu den nicht Rückfälligen erhebliche Unterschiede hinsichtlich der Entwicklung der Arbeitsunfähigkeitstage.
  • P. Missel und Dr. M. Zobel unterziehen die Ergebnisqualität der stationären Behandlung Alkohol- und Medikamentenabhängiger einer altersspezifischen Analyse. Ausgangsstichprobe ist hierbei die klinikübergreifende Katamneseerhebung des Fachverbandes Sucht e.V. des Entlassjahrgangs 2004 aus 14 Fachkliniken für Abhängigkeitserkrankungen (N=9.799). 6,4 % der Patienten waren bis zu 30 Jahre alt und 4,6 % 61 Jahre und älter. Relevante altersspezifische Unterschiede zeigen sich bei der Familiensituation sowie der Berufsausübung. Die altersspezifische Auswertung ergibt, dass die katamnestischen Erfolgsquoten sich bei allen Berechnungsformen mit zunehmendem Alter erhöhen. Nach DGSS 4 sind beispielsweise 25,2 % der bis 30-Jährigen Patienten und 57,3 % der 61 Jahre und ältern Patienten nach einem Jahr abstinent oder abstinent nach Rückfall. Somit sind ältere Patienten erfolgreicher als jüngere. In einigen Einrichtungen werden bereits seniorenspezifische Therapiemodule eingesetzt. Die Autoren empfehlen, altersspezifische Behandlungsmodule insbesondere auch für jüngere Patienten in die Standardbehandlungsprogramme von Rehabilitationsfachkliniken im Indikationsbereich Abhängigkeitserkrankungen zu implementieren.
  • Dr. P. Grünbeck, Dr. H. Klosterhuis und Frau A. Mitschele aus der Abteilung Reha-Qualitätssicherung, Epidemiologie, Statistik der Deutschen Rentenversicherung Bund untersuchen aus Sicht der Rentenversicherung die Fragestellung, ob das Alter der Rehabilitanden einen Einfluss auf die Prozess- und Ergebnisqualität der Sucht-Rehabilitation hat. Zunächst gehen sie der Frage nach, ob sich die Anzahl der therapeutischen Leistungen bei den unter 30-Jährigen und über 50Jährigen Rehabilitanden unterscheiden. Dabei zeigt sich beispielsweise, dass arbeitsbezogene Leistungen sowie Therapien zur Förderung sozialer Integration bei den jüngeren, stärker von Arbeitslosigkeit bedrohten Rehabilitanden verstärkt angeboten werden. Eine alterspezifische Auswertung der Patientenbefragung zur Rehabilitandenzufriedenheit zeigt, dass ältere Rehabilitanden grundsätzlich positiver als jüngere urteilen. Allein die Zufriedenheit mit der ärztlichen Beurteilung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit weicht von diesem Trend ab. Darin können sich beispielsweise mögliche Frühberentungswünsche widerspiegeln. Grundsätzlich muss das Alter der Rehabilitanden bei einem fairen Vergleich von Reha-Einrichtungen bezüglich der Rehabilitandenurteile Berücksichtigung finden. Untersuchungen zum sozialmedizinischen Verlauf zeigen, dass die Arbeitsunfähigkeitszeiten vor Reha-Antritt mit zunehmenden Alter der Rehabilitanden ansteigen. Der sozialmedizinische 2-Jahres-Verlauf nach stationärer Alkohol-Entwöhnung im Jahr 2003 zeigt, dass 87 % im Erwerbsleben verblieben sind, davon 61 % mit lückenloser und 26 % mit lückenhafter Beitragszahlung. Das Durchschnittsalter betrug 44 Jahre und liegt damit knapp 4 Jahre unter dem Alter aller Rehabilitanden mit 47,8 Jahren. Jüngere Rehabilitanden weisen deutlich mehr eine lückenhafte Beitragszahlung auf, entsprechend gering ist der Anteil der tatsächlich Beschäftigten. Das Problem der Arbeitslosigkeit verbunden mit einer geringeren Beschäftigungsrate ist bei den jüngeren Rehabilitanden sowohl vor als auch nach der Rehabilitation deutlich größer als bei den älteren. Ältere Versicherte haben hingegen ein höheres Risiko sowohl der Frühverrentung wie des Versterbens aus dem Erwerbsleben.
  • M. Fischer et al. stellen in einem Folgebeitrag (siehe Sucht aktuell 1-2007) die Ergebnisqualität der stationären medizinischen Rehabilitation von Drogenabhängigen im Rahmen einer Halbjahres- und Jahreskatamnese dar. Die Ergebnisse beruhen auf einem Forschungsprojekt, das in zwei Einrichtungen der abstinenz-orientierten Drogenrehabilitation im Auftrag der Deutschen Rentenversicherung Rheinland-Pfalz durchgeführt wurde. Datenbasis sind 429 Patienten, von denen zur Halbjahreskatamnese 230 und zur Jahreskatamnese 174 geantwortet haben. Damit liegen die entsprechenden Aufklärungsquoten für den Bereich der Drogenrehabilitation recht hoch und betragen 55,3 % (Halbjahreskatamnese) bzw. 41,5 % (Jahreskatamnese). 22,8 % beendeten die Behandlung regulär, 30,8 % durch Wechsel zu ambulanter teilstationärer, stationärer Rehabilitation (z.B. Adaption), 17,7 % vorzeitig auf ärztliche Veranlassung und 0,7 % vorzeitig mit ärztlichem Einverständnis. Ohne ärztliches Einverständnis beendeten 19,4 % und aus disziplinarischen Gründen 7,9 % die Behandlung. Die katamnestische Erfolgsquote nach DGSS 4 betrug hinsichtlich aller Suchtmittel (inkl. Alkohol) 6 Monate nach Behandlungsende 26,6 % und ohne die Berücksichtigung von Alkohol 33,5 %. Berücksichtigt man nur die Erfolgsangaben der in der Katamnese erreichten Patienten mit planmäßiger Entlassung (DGSS 1), so beträgt die katamnestische Erfolgsquote für alle Suchtmittel 50,6 %. Die Mehrzahl der Rückfälle fanden insgesamt mit Alkohol statt, gefolgt von Cannabis, Heroin/anderen Opiaten und Medikamenten. Nach einem Jahr betrug die katamnestische Erfolgsquote nach DGSS 4 21,5 % für alle Suchtmittel und 25 % ohne die Berücksichtigung von Alkohol. Nach DGSS 1 lebten 55,1 % der Katamnese-Antworter mit planmäßiger Beendigung abstinent. Die Rückfallwahrscheinlichkeit ist in den ersten drei Monaten nach Behandlungsende am höchsten. Bei über der Hälfte der Katamnese-Antworter mit einem Rückfall konnte dieser nach weniger als einer Woche wieder beendet werden. Auch zeigt sich, dass ein täglicher Konsum von Alkohol nur von etwa jedem zehnten rückfälligen Antworter angegeben wird. Der größere Teil konsumiert Alkohol eher manchmal bis selten.
  • Dr. V. Weissinger zeigt, dass Prävention und Frühintervention bei psychischen Gesundheitsproblemen und substanzbezogenen Störungen eine zentrale Herausforderung für Unternehmen und Verwaltungen darstellt. Zunächst geht er darauf ein, dass tendenziell psychische Erkrankungen deutlich zunehmen und belegt den hohen Anteil an F-10 Diagnosen im Krankenhaus sowie die geringe Inanspruchnahme medizinischer Rehabilitationsleistungen bei Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit. Des weiteren beschreibt er den aktuellen Stand von Suchtprävention und Gesundheitsförderung in Betrieben und Verwaltungen und erläutert in diesem Zusammenhang auch die Möglichkeiten des betrieblichen Eingliederungsmanagements nach § 84 Abs. 2 SGB IX.
  • Dr. M. Wüstenbecker vom Stabsbereich Politik der KV Westfalen-Lippe geht in seinem Artikel auf die Ursachen der Medikamentenabhängigkeit ein und stellt ein breit angelegtes Modellprojekt in Westfalen-Lippe vor. Hierbei geht er im weiteren auf die Initiative der ärztlichen Körperschaften ein und berichtet über die Resonanz von Praxen in Dortmund und Hamm, welche entsprechende Patienten-Informationsmaterialien zum Thema "Schlafstörungen" erhalten hatten. Eine Verbreitung des Modellansatzes ist vorgesehen. Darüber hinaus stellt er weitere Initiativen der KV Westfalen-Lippe z. B. zum Thema "Verordnungsmanagement" vor.
  • Dr. K. U. Petersen und Prof. Dr. R. Thomasius stellen die Hauptergebnisse eines systematischen Reviews zu den gesundheitlichen und psychosozialen Folgen von Cannabiskonsum und -missbrauch vor. Weltweit, so aktuelle Schätzungen der UNO, konsumieren 3,8 % der Weltbevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren (160 Mio. Menschen) Cannabis. Im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit wurde von den Autoren eine Expertise zur realistischeren Risikoeinschätzung bezüglich Cannabis erstellt. Zu den wesentlichen Ergebnissen der Studie gehören, dass Cannabisraucher dem Zigarettenrauchen vergleichbare respiratorische Symptome entwickeln, das Risiko von Atemwegserkrankungen und Krebs bei Cannabisrauchern erhöht ist und insbesondere für kardiovaskulär vorgeschädigte Menschen ein erhöhtes Herzinfarktrisiko besteht. Neben diesen organmedizinischen Beeinträchtigungen bestehen an neurokognitiven Auswirkungen ein regional verminderter zerebraler Blutfluss und Leistungsminderungen im Bereich des Gedächtnisses und des Lernens bei intensivem regelmäßigen Cannabiskonsum. Im Bereich der psychischen und psychosozialen Folgewirkung zeigte sich, dass Cannabiskonsum zu körperlicher und psychischer Abhängigkeit führen kann, des weiteren kann Cannabiskonsum bei vulnerablen Menschen Psychosen auslösen, die schulische Leistung wird vermindert und die Wahrscheinlichkeit für einen Schulabbruch erhöht. Zur Zeit noch nicht einzuschätzen sind die langfristigen neuronalen Adaptionsprozesse oder gar neurotoxischen Schädigungen des Gehirns im Zusammenhang mit Cannabiskonsum. Deutliche Hinweise geben die Forschungsergebnisse hinsichtlich einer stärkeren Beeinträchtigung bei einem frühen regelmäßigen Cannabiskonsum von Jugendlichen.
  • Dr. Eva Hoch et al. stellen das modulare, kognitiv-behaviorale Entwöhnungsprogramm CANDIS zur Behandlung von Cannabisstörungen vor. In Deutschland haben 25 % aller Erwachsenen zwischen 18 und 59 Jahren im Lebenszeitraum mindestens einmal Cannabis konsumiert, bei den Jugendlichen sind es 15 %. 5 % aller Cannabis-Konsumenten und 29 % aller starker Konsumenten entwickeln ein klinisch relevantes Abhängigkeitssyndrom. Somit gelten mehr als 240.000 Erwachsene Cannabis-Konsumenten als Cannabis-abhängig, 140.000 erfüllen zusätzlich die Kriterien für Cannabis-Missbrauch. Im Rahmen der CANDIS-Studie wurde die Wirksamkeit eines Behandlungsprogramms mit zwei unterschiedlichen Therapievarianten überprüft. Es umfasste zehn Doppelsitzungen mit Einzelgesprächen, die sich über einen Zeitraum von fünf bis acht Wochen erstrecken. Erste Erfahrungen zeigen eine sehr gute Halterate von knapp 70 %. Circa 50 % der Patienten waren zum Abschluss der Therapie abstinent, weitere 30 % reduzierten ihren Cannabis-Konsum deutlich. Diese Effekte blieben auch in der 3-Monats-Katamnese stabil. Ab November 2007 wird eine neue Studie zur Implementierung und Evaluierung der CANDIS-Therapie in der ambulanten Suchthilfe starten.


Hinweisen möchten wir noch auf den 21. Heidelberger Kongress am 16. - 18. Juni 2008 zum Thema: "Lebensalter, Suchtformen und Behandlungspraxis".

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen
Dr. Volker Weissinger