SuchtAktuell - Heft 2/2006 Editorial

In dieser Ausgabe von "Sucht aktuell" ist das "Gesamtkonzept zur Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen" des Fachverbandes Sucht e. V. abgedruckt. Im Mittelpunkt der Ausführungen steht zwar die Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen, jedoch geht der Blickwinkel darüber hinaus, denn die Suchtbehandlung ist als Teilbereich der medizinischen Rehabilitation eingebettet in das Suchthilfesystem und unterliegt den jeweiligen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Wir möchten uns an dieser Stelle für die vielfältigen Anregungen und Hinweise, welche in die Abfassung des Gesamtkonzeptes eingeflossen sind, bedanken und würden uns über Rückmeldungen freuen.


Darüber hinaus sind Artikel zu folgenden Themen enthalten:

  • R. Schneider: Einführung in das Tagungsthema
  • M. Caspers-Merk: Grußwort der Drogenbeauftragten der Bundesregierung
  • Prof. Dr. M. Zielke: "Sucht macht krank!" - Aktuelle Ergebnisse der DAK-Studie
  • K. Spörkel: Fallmanagement: Steuerungs- und Verbesserungspotentiale bei Gesundheitsstörungen durch Alkohol aus Sicht der Krankenversicherung
  • Th. Keck: Fallmanagement bei Alkoholabhängigkeit: Ansatzpunkt für Innovation und Veränderung aus Sicht der Rentenversicherung
  • W. Roeb-Rienas: Fallmanagement - Effektiv und nahtlos: Impulse aus Sicht der Behandler
  • Fachverband Sucht e. V.: "Frühzeitig, effektiv und nahtlos" - Fallmanagement bei Störungen durch Alkohol: Stellungnahme des Fachverbandes Sucht e.V.


Weitere Beiträge sind:

  • Dr. Volker Weissinger und Ralf Schneider nehmen aus Sicht des Fachverbandes Sucht e.V. Stellung zu den Leitlinien und ihrer Bedeutung für die Suchthilfe in Deutschland. Im Mittelpunkt stehen hierbei die AWMF-Leitlinien zu substanzbezogenen Störungen. Die Autoren beschreiben allgemeine Anforderungen an sowie mögliche positive und negative Effekte von Leitlinien und gehen anschließend dezidiert auf die einzelnen vorgelegten Leitlinien (z. B. Screening und Kurzintervention, Akutbehandlung, Postakutbehandlung, Tabakabhängigkeit etc.) ein. Deutlich wird, dass aus den Leitlinien ein erheblicher Diskus-sions- und Handlungsbedarf resultiert. Die Autoren sind davon überzeugt, dass an den Be-handlungsleitlinien substanzbezogener Störung keiner der Akteure in der Suchtkrankenhil-fe und -behandlung zukünftig mehr vorbeikommen wird..
  • Dr. Christiane Korsukéwitz beleuchtet das Thema "Wissenschaftlich fundierte Suchtbehandlung" aus Sicht der Rentenversicherung. Sie gibt einen Überblick über die Entwicklung der Leistungen der Suchtrehabilitation, stellt Ergebnisse zum sozialmedizinischen Verlauf vor und geht auf Ergebnisse des Qualitätssicherungsprogramms ein. Im Weiteren wird auf das Verhältnis von Suchtrehabilitation und Forschung eingegangen und das Leitlinienprojekt "Alkoholabhängigkeit der Deutschen Rentenversicherung" erläutert.
  • Dr. Johannes Lindenmeyer greift in seinem Beitrag die aktuelle Diskussion um das Spannungsfeld von Wissenschaft und Praxis und die Frage der Relevanz der bisherigen Suchtforschung für die Praxis auf. Vor dem Hintergrund der kritischen Auseinandersetzung mit bisherigen Forschungsstrategien wird aufgezeigt, welche Impulse von der gegenwärtigen Praxis der Suchtrehabilitation in Deutschland für die Weiterentwicklung der Suchtforschung ausgehen könnten, anstatt die Behandlung von Suchtkranken verstärkt am bisherigen Evidenzparadigma zu orientieren.
  • Dr. Ulrike Beckmann et. al. von der Deutschen Rentenversicherung Bund berichten über aktuelle Ergebnisse aus der Qualitätssicherung aus der ambulanten und stationären Suchtrehabilitation. Die Beurteilung des Rehabilitationsverlaufes (Peer-Review-Verfahren) ergab, dass deutliche und gravierende Mängel in den zusammenfassenden Bewertungen der unterschiedlichen Bereiche zwischen 13 % bei "Weiterführenden Maßnahmen und Nachsorge" und 22 % bei "Diagnostik" schwanken. Nach wie vor zeigen sich erhebliche Unterschiede in der Bewertung der Einrichtungen, dies wird durch Polaritätenprofile verdeutlicht. Die Rücklaufquote der Patientenbefragungen betrug ca. 50 %. Die Zufriedenheit der Patienten mit der stationären Entwöhnungseinrichtung ist insgesamt sehr hoch. Im Weiteren gehen die Autorinnen und Autoren auf das Reha-Leitlinienprojekt "Alkoholabhängigkeit" ein und stellen den Entwicklungsstand des Qualitätssicherungsprogramms für die ambulante Rehabilitation Sucht vor.
  • Roland Retzlaff, Dr. Marcela Weber und Dr. Michael Hegner von der Deutschen Renten-versicherung Mitteldeutschland berichten über "Neue Zugangswege zur medizinischen Rehabilitation (Entwöhnungsbehandlung)". Hierbei geht es um die Öffnung der Zugangswege zur Rehabilitation und die Frage, ob die Antragsstellung zu einer Entwöhnungsbehandlung mit einem Reha-Antrag und einem ärztlichem Befundbericht - aber ohne Sozialbericht aus der Suchtberatungsstelle - möglich und ausreichend ist. Zwei Zugangswege wurden hierbei überprüft:
  • Einleitung der Reha aus der Entzugsbehandlung heraus und durch die Agentur für Arbeit nach § 125 SGB III. Die Untersuchung zeigte, dass 91 % der in Direktverlegung aus der Entzugseinrichtung bewilligten Leistungen und 60 % der von den Agenturen für Arbeit eingeleiteten Maßnahmen angetreten wurden. Ferner bestätigten sich Befürchtungen nicht, dass Suchtkranke ohne Sozialbericht eine Entwöhnungsbehandlung frühzeitig abbrechen würden. Besonderer Wert wurde im Rahmen des Projektes darauf gelegt, den Kontakt zur regional zuständigen Suchtberatungsstelle bereits während der Rehabilitation aufzubauen und die Inanspruchnahme von Nachsorgeleistungen zu fördern.
  • Carolin Donath et al. untersuchten im Projekt "WIRK-II"M die Veränderung des Rauchverhaltens in deutschen Suchtrehabilitationskliniken. Untersucht wurde, ob eine restriktivere Tabakpolitik in Suchtrehabilitationskliniken einen Einfluss auf das Rauchverhalten der Patienten in Richtung Steigerung der Abstinenz bzw. Reduktionsquote hat. Es wurden 7 Bereiche der Tabakpolitik definiert und 40 Suchtrehabilitationskliniken bei der Untersuchung einbezogen. 84 % der Rehabilitanden waren bei Behandlungsbeginn Raucher. Die Abstinenzquoten bis zum Behandlungsende schwankten in den Kliniken zwischen 0 % und 23 %. Fast die Hälfte der Patienten hat ihren Tabakkonsum während des Klinikaufenthaltes reduziert, allerdings konsumieren einige Patienten auch mehr Tabak als zu Beginn. Festzustellen ist, dass alle Kliniken den Weg zu einer nichtraucherfreundlichen Klinik beschritten haben, dass aber in allen Tabakpolitikbereichen Entwicklungspotential und -bedarf besteht.
  • Walter Roeb-Rienas, Arnold Wieczorek und Claudia Quinten berichten über die Ergebnisse des Projektes "Patientenunterschrift". Im Rahmen des Projektes wurde der vorläufige Entlassbericht den Patienten im Rahmen des ärztlichen und therapeutischen Abschlussgesprächs zur Kenntnis gegeben und erläutert. In der Auswertung der Patientenfragebögen zeigt sich eine durchgäängig positive Bewertung dieses Vorgehens. Das Projekt wird von den Autoren als wesentlicher Beitrag zur Förderung der Selbstbestimmung bzw. Teilhabe der Patienten eingeschätzt. Dieser positiven Bewertung steht gegenüber, dass damit auch ein deutlicher zeitlicher Mehraufwand pro Patient verbunden ist.


Enthalten sind des weiteren verschiedene Stellungnahmen des Fachverbandes Sucht e. V. (zur ambulanten Rehabilitation, zum Modellprojekt heroingestützte Behandlung).

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen
Dr. Volker Weissinger