SuchtAktuell - Heft 2/2004 Editorial

In dieser Ausgaben von "Sucht aktuell" finden sich aktuelle Beiträge zu folgenden Themen:

  • Dr. Th. G. Grobe, H. Dörning und Prof. Dr. F. W. Schwartz stellen aktuelle Ergebnisse des Gesundheitsreports 2004 der Gmünder Ersatzkasse vor.
    Schwerpunktmäßig wurde die stationäre Behandlung von Alkoholproblemen in Krankenhäusern analysiert. Zwischen den Jahren 1994 und 2003 stieg der Anteil um über 70 % von 14,4 % auf 24,2 % je 10.000 männliche Versicherte an. 2,4 ‰ der männlichen Bevölkerung wurden damit mindestens einmalig stationär unter der Hauptdiagnose F-10 behandelt. Die Behandlungsraten der Frauen betrugen 7,6 % im Jahr 1994 und 9,6 % im Jahr 2003, d. h. ca. 1 ‰ bezogen auf die Gesamtbevölkerung im Jahr 2003. Es zeigt sich im Jahr 2003, dass hohe Behandlungsraten in der Gruppe der 15-20-jährigen männlichen (2,75 ‰) und weiblichen (1,91 ‰) Versicherten zu verzeichnen sind. Darüber hinaus weisen insbesondere Arbeitslose ein deutlich erhöhtes Risiko (relatives Risiko 6,6) auf. Festgestellt wurde darüber hinaus, dass in Jahren 2000-2003 F-10-Patienten gegenüber einer Referenzpopulation von GEK-Versicherten eine dreifach erhöhte Behandlungshäufigkeit außerhalb F 10-Diagnosen haben. Diese betreffen insbesondere weitere psychische Störungen, Verletzungen und Krankheiten des Verdauungssystems. Innerhalb eines Jahres wurden darüber hinaus 32,7 % aller entlassenen F-10-Patienten erneut unter dieser Diagnose im Krankenhaus behandelt, innerhalb von drei Jahren waren es mit 47,3 % nahezu die Hälfte.
  • Prof. Dr. D. Henkel, Dr. U. Zemlin und P. Dornbusch stellen im 3. Beitrag Katamneseergebnisse des ARA-Projektes, welches rückfallbeeinflussende Bedingungen im therapeutisch-rehabilitativen Prozess bei arbeitslosen Alkoholabhängigen untersucht, vor. Die Ausschöpfungsquote lag nach 12 Monaten bei 66,1 %. Dargestellt werden vor allem die Veränderungen im Zeitraum des 7. bis 12. Monats nach Abschluss der Behandlung. Alkoholabstinent waren in diesem Zeitraum von den Antwortern unter Einbezug der Therapieabbrecher (DGSS 3) von den Arbeitslosen 41,1 % und den Erwerbstätigen 75,9 %. Beim abhängigen Alkoholkonsum liegen die Werte der arbeitslosen Katamneseteilnehmer mit 38,9 % deutlich über denen der Erwerbstätigen (13,3 %). Des weiteren zeigt sich, dass ein Rückfall keineswegs bedeutet, dass eine unveränderte Rückkehr in das Trinkverhalten vor Behandlungsbeginn festzustellen war. Ferner ergab die Studie, dass wer von den Katamneseteilnehmern im ersten Halbjahr nach Abschluss der Suchtbehandlung durchgehend arbeitslos war, dies in aller Regel auch in den folgenden 6 Monaten blieb. Dasselbe trifft umgekehrt für die Erwerbstätigkeit zu, hier blieben 93 % über diesen Zeitraum konstant erwerbstätig. Untersucht wurden ferner Unterscheidungsmerkmale zwischen rückfälligen und abstinenten Katamneseantwortern in der Aufnahme-, Entlass- und Katamnesediagnostik sowie der Zusammenhang zwischen der Höhe des Rückfallrisikos und der Zahl bisheriger Suchtbehandlungen.

 

  • Frau Dr. Kulick von der LVA Rheinland Pfalz setzt sich in ihrem Beitrag mit fachlichen Perspektiven der Suchtbehandlung auseinander. Sie geht auf veränderte gesellschaftspolitische und gesetzliche Rahmenbedingungen ein und beschreibt vier Aufgabenstellungen, die für die Zukunft der Suchtrehabilitation von entscheidender Bedeutung sein werden.


Diese sind:

  • Zugang und frühzeitige Einleitung von Rehabilitationsleistungen
  • Flexibilisierung und Individualisierung der Rehabilitationsangebote
  • Kooperation und Vernetzung
  • Qualitätssicherung


Die Autorin stellt abschließend fest, dass die Rehabilitation Abhängigkeitskranker viele und gute Weiterentwicklungspotentiale aufweist.

 

  • B. Heller und R. Stoßberg beschreiben die Auswirkungen des III. und IV. Gesetzes für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt (Hartz III und IV). Hierzu gehören insbesondere der Umbau der Bundesanstalt für Arbeit in einen leistungsfähigen und kundenorientierten Dienstleister verbunden mit einer Vereinfachung des Arbeitsrechts in der Arbeitslosenversicherung und dem Einsatz arbeitsmarktpolitischer Instrumente (Hartz III).
  • Hartz IV (SGB II) beschäftigt sich insbesondere mit der Grundsicherung für Arbeitssuchende und der Zusammenführung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II. Zentrale politische Zielsetzung ist es, die Eingliederungschancen der Leistungsempfänger in ungeförderte Beschäftigung zu verbessern. Gleichzeitig wird die Zumutbarkeitsregelung verschärft. Ob sich jedoch mit diesen Gesetzen, so das Resümee der Autoren, ein deutlicher Abbau der Arbeitslosigkeit erreichen lässt, wird nicht zuletzt von der konjunkturellen Entwicklung in Deutschland abhängen.
  • M. Heißwolf und E. Wahala stellen ein Kooperationsprojekt von regionaler Suchthilfe und Agenturen für Arbeit vor. Zielsetzungen der Einrichtung von Konsiliardiensten in der Agentur für Arbeit sind, Suchtprobleme möglichst früh zu erkennen, die Betroffenen zu einer Kontaktaufnahme mit der regionalen Suchthilfe zu motivieren, die Entwicklung und Chronifizierung einer Substanzabhängigkeit zu verhindern und dadurch die Arbeitsfähigkeit zu erhalten oder wieder herzustellen. Im Beitrag werden das Anforderungsprofil der Mitarbeiterinnen, grundlegende Ziele, Aufgaben, Zielgruppen sowie Verfahrensweisen dargestellt. Des weiteren werden die positiven Auswirkungen, wie z. B. frühzeitiges Erreichen der Suchtkranken, verkürzte Wartezeiten, Verbesserung von Schnittstellen sowie bestehende Spannungsfelder dargestellt und ein Ausblick auf die weitere Tätigkeit gegeben.
  • WM. Richter, A. Langness und Prof. Dr. K. Hurrlemann stellen aktuelle Ergebnisse der WHO-Studie "Health Behavior in School-aged Children" über den Tabak-, Alkohol- und Cannabiskonsum im frühen Jugendalter vor. An der Studie beteiligten sich Forschergruppen aus insgesamt 35 Ländern in Europa und Nordamerika. In Deutschland waren die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Berlin, Hessen und Sachsen einbezogen. In Deutschland waren unter den 11 – 15 jährigen Jungen 15 % regelmäßige Raucher, unter den Mädchen 16 %, bezogen auf die 15 jährigen 32 % der Jungen und 34 % der Mädchen. Regelmäßigen Alkoholkonsum wiesen bei den 11 – 15 jährigen 21 % der Jungen und 15 % der Mädchen auf, bei den 15 jährigen 46 % der Jungen und 33 % der Mädchen. Alkoholbedingte Rauscherfahrungen von zwei- bis dreimal und mehr hatten 19 % der 11 – 15 jährigen Jungen und 14 % der Mädchen, bei den 15 jährigen waren dies 44 % der Jungen und 34 % der Mädchen. Cannabis hatten mindestens einmal im letzten Jahr 22 % der 15 jährigen Jungen und 15 % der 15 jährigen Mädchen konsumiert. Die Lebenszeitprävalenz beträgt 24 % bei den 15 jährigen Jungen und Mädchen. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland bezogen auf den Tabak- und Alkoholkonsum in der Spitzengruppe, lediglich beim Cannabiskonsum im Mittelfeld der Länderrangfolge. Auffällig ist, dass nach den Ergebnissen der Studie in den meisten Ländern mittlerweile mehr Mädchen als Jungen regelmäßig rauchen, beim Alkohol- und Cannabiskonsum überwiegt demgegenüber der höhere Anteil der Jungen. Die Autoren setzen sich vor dem Hintergrund, dass Deutschland im internationalen Vergleich schlecht abschneidet, nachhaltig für die Stärkung von Primär- und Sekundärpräventionsmaßnahmen ein.
  • Dr. U. Beckmann, A. Mitschele, Dr. H. Klosterhuis stellen klinikübergreifende und -spezifische Ergebnisse von Qualitätssicherungsaktivitäten der von der BfA betreuten Suchteinrichtungen vor. Ergebnisse des Peer-Review-Verfahrens zeigen, dass unter 30 % der Einrichtungen (N=43) deutliche und gravierende Mängel hinsichtlich der festgestellten Qualität des Rehabilitationsprozesses aufweisen. Allerdings lassen sich auch erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Suchteinrichtungen feststellen. Die Ergebnisse der Patientenbefragungen zeigen nach wie vor eine hohe Zufriedenheit der Patienten mit den stationären Leistungen zur medizinischen Rehabilitation (Gesamturteil 2,1 bei einer Skala von 1-5). Auch hier lassen sich einrichtungsspezifische Unterschiede feststellen. Eingegangen wird des weiteren auf Auswertungen zur Klassifikation therapeutischer Leistungen, auf den sozialmedizinischen 2-Jahres-Verlauf nach der Suchtrehabilitation im Jahr 2000 und die Laufzeit der Entlassberichte sowie die Qualitätssicherungsentwicklung in der ambulanten Suchtrehabilitation. Im Ausblick weisen die Autoren darauf hin, dass vor dem Hintergrund gemeinsamer Aktivitäten zur Qualitätssicherung von den Spitzenverbänden der gesetzlichen Kranken- und Rentenversicherung, auch die Strukturerhebung weiterentwickelt wurde. Ferner wird die BfA durch standarisierte und dokumentierte Visitationen den Nachweis der Kriterien für ein internes Qualitätsmanagement der Rehabilitationseinrichtungen überprüfen.
  • Dr. S. Brüggemann, Dr. H. Klosterhuis und J. Köhler beschreiben in einem Beitrag das BfA-Leitlinienprogramm vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen.
    Seit 1998 erstellt die BfA in Zusammenarbeit mit verschiedenen Forschungsgruppen Prozessleitlinien für bedeutende Indikationsgebiete. Derzeit werden Leitlinien für die Rehabilitation Abhängigkeitskranker entwickelt. In einem ersten Schritt erfolgt die Sichtung bestehenden Wissens (Literaturrecherche). Des weiteren wird eine Auswertung der Klassifikation therapeutischer Leistungen vorgenommen, die entsprechend nach zuvor definierten und evidenzbasierten Therapiemodulen gruppiert werden.
    Überprüft werden soll in einem weiteren Schritt, inwieweit das "Behandlungs-Soll", das als Ergebnis der Literaturrecherche definiert wurde, im Ist-Zustand (KTL-Auswertung) abgebildet wird. Versucht werden soll somit unter der Nutzung von Routine-Daten einen Vergleich der Versorgungsrealität mit den Vorgaben der wissenschaftlichen Literatur zu erzielen. Bei der Entwicklung von Leitlinien sollen darüber hinaus die am Rehabilitationsprozess beteiligten Berufsgruppen sowie relevanten Fachgesellschaften einbezogen werden. Die Autoren verweisen darauf, dass das BfA-Reha-Leitlinien-Programm eine wesentliche Erweiterung der Qualitätssicherung darstellt.
  • Dr. K. Tielking und K. Ratzke betonen in ihrem Beitrag die Notwendigkeit der Patienten-/Klientenorientierung in der Suchtbehandlung. In diesem Zusammenhang stellen sie das Modell "Alkoholentwöhnung im Verbundsystem" (EVS) vor, das von der Universität Oldenburg wissenschaftlich begleitet und von der LVA Oldenburg-Bremen finanziell gefördert wird. Hierbei handelt es sich um ein Kombinationsmodell von ambulanter und stationärer Entwöhnung im Rahmen einer maximal 52 Wochen andauernden Behandlung. Innerhalb dieses Leistungszeitrahmens werden 5 Behandlungsvarianten angeboten. Im Rahmenkonzept enthalten sind ein modulares Berichtswesen sowie Übergabegespräche, die auch entsprechend vergütet werden. Beurteilungen der Klienten/Patienten und Therapeuten zeigen, dass diese Form der Kommunikation und Kooperation hinsichtlich des Wechsels des Behandlungssettings positiv eingeschätzt wird und Schnittstellenprobleme dadurch verbessert werden können.
  • A. Neupert-Schreiner gibt eine Übersicht über die vom VDR zur Anerkennung empfohlenen Weiterbildungen im Bereich der Abhängigkeitserkrankungen (Stand Mai 2004). Mittlerweile sind zwölf Weiterbildungs- und zwei Ergänzungscurricula vom VDR anerkannt worden.


Des weiteren finden sich in dieser Ausgabe von "Sucht aktuell" die Pressestatements zum 17. Bundeskongress 2004 des FVS "Perspektiven für Suchtkranke: Teilhabe fördern, fordern, sichern" sowie das Konzept des Fachverbandes Sucht äArbeitsbezogene Leistungen in der Sucht-Rehabilitation" (Stand: 10.05.2004). Dieses Konzept betont, dass die berufliche Wiedereingliederung eine Zielsetzung im Sinne der Förderung und der Selbstbestimmung der gleichberechtigten Teilhabe ist, die sämtliche Personen und Institutionen verpflichtet, die an der Rehabilitation Behinderter oder von Behinderung bedrohten Menschen beteiligt sind. Gerade unter den Bedingungen der strukturellen Arbeitslosigkeit, der zukünftigen demografischen Entwicklung, dem steigenden Qualifizierungsbedarf und der Notwendigkeit der Sinnstiftung innerhalb der Arbeitswelt, sind verstärkte Bemühungen erforderlich, um dem im SGB IX formulierten Anspruch gerecht zu werden. Hierzu möchte das Konzept einen Beitrag leisten.

Abschließend sei darauf verwiesen, dass der 18. Heidelberger Kongress des Fachverbandes Sucht e.V. am 13.-15.06.2005 zum Thema "’Integrierte Versorgung’: Chancen und Risiken für die Suchtrehabilitation" durchgeführt wird.