SuchtAktuell - Heft 2/2003 Editorial

In dieser Ausgaben von "Sucht aktuell" finden sich aktuelle Beiträge zu folgenden Themen:


  • Prof. Dr. Henkel, Dr. U. Zemlin und P. Dornbusch werden in drei aufeinanderfolgenden Heften von "Sucht aktuell" die Ergebnisse des ARA-Projekts darstellen, welches rückfallbeeinflussende Bedingungen bei arbeitslosen Alkoholabhängigen untersucht. Im ersten Teil führen sie in die Thematik ein, beschreiben Projektziele, die Untersuchungslage und stellen Ergebnisse zu Beginn der Suchttherapie vor. Dabei werden die soziodemographischen, psychosozialen, gesundheitlichen und suchtspezifischen Ausgangsbedingungen zu Behandlungsbeginn erhoben. Zu einem späteren Zeitpunkt werden Veränderungen im Verlauf der Behandlung und im Katamnesezeitraum untersucht und jeweils im Hinblick auf ihre Bedeutung auf die Rückfallproblematik analysiert werden. In der Untersuchungsstichprobe zeigt sich, dass Arbeitslose gegenüber Erwerbstätigen häufiger bereits eine stationäre Entwöhnungsbehandlung hinter sich haben, die Zahl der ICD-10-Nebendiagnosen signifikant höher ist, sie über schwächere Bildungsressourcen und Arbei tsmarktchancen verfügen, Arbeitslose finanziell wesentlich schlechter gestellt sind, die Arbeitslosigkeit als psychisch sehr belastend erlebt wird, der Grad der sozialen Integration und Partizipation deut-lich niedriger ist, die psychische Gesundheit bzw. Befindlichkeit bei Behandlungsbeginn in vielerlei Hinsicht signifikant schlechter war und sie ihre Abstinenzchancen nach Behandlung deutlich schlechter einschätzen.
  • Prof. Dr. Ch. Zenker et. al. behandeln in ihrem Beitrag die Ursachen und Differenzierung der Abhängigkeitserkrankungen bei Frauen. Den Auswertungen liegt eine Stichprobe von 908 Frauen zugrunde, die in Suchtfachkliniken behandelt wurden. Als bedeutsame Ursachen der Sucht bei Frauen konnten interdependente familiäre Risikofaktoren in der Kindheit, wie Gewalterfahrungen Sucht der Bezugsperson und soziale Belastungen identifiziert werden. Insgesamt weisen hierbei Frauen mit einem späteren Einstiegsalter und die Gruppe der Alkoholikerinnen die geringsten Belastungen auf. Hier scheinen die relativ gering ausgeprägten Copingstrategien durch weitere belastende Lebensereignisse und Partnerproblematik zur Destabilisierung zu führen. Im Unterschied dazu weisen Frauen mit illegalem Konsum (Polysüchtige, Illegale) und bei Suchtbeginn jüngere Frauen höhere Kindheitsbelastungen (sexuelle und seelische Gewalterfahrungen) und seelische Störungen (z.B. Suizidversuche, selbstverletzendes Verhalten) auf. Die Studienergebnisse vermitteln, dass Frauen vorrangig auf ihre Gefühlsebene angesprochen werden können und müssen, denn sie weisen häufig seelische Kränkungen auf.
  • Prof. Dr. M. Schulte-Markwort und Dr. P. Düsterhus behandeln in ihrem Beitrag das Thema "Präventive Ansätze und Behandlungsstrategien bei Suchtmittelmissbrauch im Kindes- und Jugendalter". In Bezug auf das Kindes- und Jugendalter fordern sie in Abweichung zum ICD-10 hinsichtlich der Beurteilung des Missbrauchs Substanz- und Konsumumstände, personenbezogener Umstände, personenbezogene Reaktionen und personenbezogene Konsequenzen zu berücksichtigen. Anhand epidemiologischer Zahlen zeigen sie die Bedeutsamkeit des Einstiegsalters der Kinder und Jugendlichen hinsichtlich der Entwicklung einer Suchtgefährdung. Im weiteren benennen sie Risikofaktoren und fordern spezifische Ansätze der Sekundärprävention und frühzeitigen Behandlung für betroffene Kinder und Jugendliche.
  • W. Görgen berichtet über das Bundesmodellprogramm FreD - Frühintervention bei erstauffälligen Drogenkonsumenten. Die Leitidee des Modellprogramms bestand darin, 14 - 21jährigen, aber auch jungen Erwachsenen bis zum 25sten Lebensjahr, die erstmalig wegen des Konsums von illegalen Drogen strafrechtlich auffällig geworden waren, spezifische Maßnahmen zur Frühintervention anzubieten. Das BMGuS hat die Umsetzung der Modellkonzeption in Kooperation mit 8 Bundesländern an 15 Modellstandorten gefördert.

    Die Ergebnisse zeigen, dass die Zielgruppe erreicht wurde, das Durchschnittsalter der Teilnehmer/innen lag bei 17,7 Jahren. Diese hatten hauptsächlich Cannabis konsumiert (95,8 %), davon gaben immerhin 28,4 % einen täglichen Konsum an. Ganz überwiegend (89 %) hatten die Teilnehmer/innen bisher keine Hilfen im Zusammenhang mit ihrem Drogenkonsum in Anspruch genommen. Das entsprechende Kursangebot wurde zu einem hohen Anteil (86,8 %) besucht und regulär beendet (83,3 %). Es zeigte sich eine hohe Zufriedenheit mit den Kursinhalten und der Kursdurchführung. 2/3 der Befragten gaben an, dass sich ihre Einstellung zu illegalen Drogen durch die Kursteilnahme verändert hat, lediglich 5 % der Befragten waren im Nachbefragungszeitraum (nach durchschnittlich 7 Monaten) erneut strafrechtlich auffällig geworden. Hinsichtlich der Umsetzung beschreibt der Autor notwendige Voraussetzungen der engen Kooperation und Abstimmung zwischen örtlichen Projektträgern der Drogenhilfe, der Polizei, Jugendgerichtshilfen und der zuständigen Staatsanwaltschaft.
  • U. Egner und Dr. P. Grünbeck analysieren die Rehabilitationsverlaufsdaten der BfA zu den Folgen der Sucht und zum Verlauf nach der Rehabilitation. Es zeigt sich ein relativ niedriges Durchschnittsalter, welches bei den Alkoholrehabilitanden 44 Jahre und den Drogenrehabilitanden 30 Jahre im stationären Bereich beträgt.

    Zwei Jahre nach stationärer Suchtrehabilitation im Jahr 1999 sind von 6.881 Suchtrehabilitanden noch 88 % im Erwerbsleben verblieben, davon 61 % lückenlos. Betrachtet man den Verlauf nach 5 Jahren, so sind vom Rehabilitandenjahrgang des Jahres 1996 nach stationärer Alkoholrehabilitation noch 73 % im Erwerbsleben verblieben, davon 47 % lückenlos. 79 % der Suchtrehabilitanden des Jahrgangs 1996 hatten darüber hinaus keine Wiederholungsrehabilitation in Anspruch genommen. Die Autoren weisen darauf hin, dass die Rehabilitation sich von daher nicht nur für den Versicherten, sondern auch für die Rentenversicherung und letztendlich für die Gesellschaft lohnt.
  • L. Mey stellt erste Ergebnisse einer Sucht-Studie der DAK vor, welche in Zusammenarbeit mit dem Fachverband Sucht e.V. durchgeführt wird und über die Auswertung von Routinedaten der Krankenkasse Erkenntnisse über das Krankheitsverhalten von Suchtkranken ermöglicht. Untersucht werden zwei Patientengruppen. Das "Reha-Kollektiv", welches sich im Jahr 2002 an einer stationären Sucht-Reha befand und das "Krankenhaus-Kollektiv", welches sich in diesem Zeitraum mit einer einschlägigen Suchtdiagnose einer Krankenhausbehandlung unterzog. Für beide Kollektive werden rückblickend bis ins Jahr 2000 folgende Leistungsdaten ausgewertet: Krankenhausaufenthalte, Arbeitsunfähigkeit, Krankengeld-Zahlungen. Eine Auswertung der Daten zum Arzneimittelkonsum und zu den Arztkontakten ist ebenfalls noch vorgesehen. In den Folgejahren 2003 und 2004 werden beide Kollektive weiter hinsichtlich ihrer Krankheits- und Ausgabenentwicklung analysiert. Als vorläufige Ergebnisse der Studie lässt sich feststellen, dass Krankenhaus-Aufenthalte aufgrund von Sucht stärker als bisher für eine Umsteuerung in eine Reha zu nutzen sind, teure und wiederholte Krankenhausaufenthalte vermieden werden müssen und das Stadium der latenten Chronifizierung der Sucht verkürzt werden sollte. Vorgeschlagen wird, ein Disease-Management-Programm "Sucht" einzuführen.
  • H. Fuchs behandelt das Thema "Leistungsorientierte Vergütung als Grundlage einer qualitätsgesicherten Rehabilitation aus Sicht des SGB IX". Er weist darauf hin, dass das SGB IX zwar keine unmittelbar wirksamen Regelungen zum Vergütungsrecht enthält, allerdings sind nach § 21 Abs. 1 Nr. 2 SGB IX gemeinsame Grundsätze zur Vereinbarung von Vergütungen zu entwickeln, die dann in die Versorgungsverträge mit den Rehabilitationseinrichtungen übernommen werden müssen.

    Unter Bezug zur Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) der WHO wird des weiteren herausgestellt, dass die Feststellung des funktionsbezogenen Leistungsbedarfs auf der Grundlage eines entsprechenden Assessments zur erfolgen hat.

    Hierbei müssen die körperliche, seelische und soziale Integrität sowie die Integrität von Aktivitäten und Leistungen erfasst werden. Der Autor weist darauf hin, dass sich aus der Erhebung des spezifischen Reha-Bedarfs Patientenklassifikationen ableiten lassen. Darin sieht er eine zukünftige Weiterentwicklung.
  • K. H. Bönner befasst sich mit dem Faktor Zeit in der Therapie. Er stellt zunächst historische Aspekte zur Rationalität der Verweildauer dar, geht auf die Entwicklung individualisierter Behandlungskonzepte und Therapiezeiten ein, fasst empirische Ergebnisse im Zusammenhang von Therapiedauer und -erfolg zusammen und zieht auf dieser Basis entsprechende Schlussfolgerungen.
  • V. Kleinert stellt fest, dass eine erhebliche Häufung eines gesteigerten bzw. exzessiven Tabakkonsums bei stoffgebundenen Suchterkrankungen vorliegt. Sie beschreibt die psychotrope Wirkung des Tabakkonsums, dessen gesundheitliche Folgen und den ökonomischen Schaden, der durch das Rauchen verursacht wird. Die Autorin setzt sich dafür ein, dass die Alkoholentwöhnung auch gleichzeitig für die Behandlung der Tabakabhängigkeit genutzt werden sollte. In diesem Zusammenhang beschreibt sie das konkrete Vorgehen einer Fachklinik.
  • Dr. M. Vogelgesang geht auf die Problematik der Komorbidität von Anorexia/Bulimia nervosa und Substanzabhängigkeit ein. Die Prävalenz der Anorexia nervosa liegt bei 15 - 30 jährigen Mädchen/Frauen in den westlichen Industrienationen bei 1 %, der Anteil der Bulimia nervosa liegt bei 2 - 3 %.

    Zwischen 17 und 30 % der weiblichen Suchtmittelabhängigen leiden unter einer Anorexie und Bulimia nervosa. Suchtmittelabhängige Essgestörte kommen im Schnitt jünger in die Therapie als die anderen Abhängigen und sie haben eine raschere Suchtentwicklung hinter sich. In mehr als der Hälfte der Fälle geht die Essstörung der Suchtentwicklung voraus. Präferierte Suchtmittel sind Amphetamine und Kokain sowie Alkohol und Benzodiazepine. Vor dem Hintergrund unterschiedlicher Theoriemodelle werden therapeutische Implikationen und das Behandlungsmodell einer Fachklinik beschrieben.
  • Dr. H. J. Salize et. al. untersuchen die Alkoholabhängigkeit und somatische Komorbidität bei alleinstehenden Wohnungslosen in Mannheim. Von den 102 Probanden waren 88 männlichen und 14 weiblichen Geschlechts. Bei 68,6 % wurden aktuell behandlungsbedürftige psychische Störungen festgestellt. 34,3 % wiesen eine Störung aus dem Suchtbereich ohne weitere psychiatrische Erkrankung auf, 21,6 % hatten zusätzlich eine oder mehrere andere psychische Störungen. Bei weiteren 12,7 % war mindestens eine psychische Störung ohne zusätzliche Abhängigkeitserkrankung festzustellen. Bei den Abhängigkeitserkrankungen war überwiegend Alkohol die bevorzugte Substanz. Ferner wiesen 61,7 % der Probanden somatische Erkrankungen auf. Am häufigsten wurden Alkohol-Polyneuropathien sowie toxische Lebererkrankungen bzw. -zirrhose diagnostiziert. Die Resultate weisen darauf hin, dass die Suchtproblematik bei der medizinischen Versorgung von alleinstehenden Wohnungslosen im Zentrum der Bemühungen stehen sollte. Es besteht ein enormer Handlungsbedarf in diesem Bereich.