SuchtAktuell - Heft 2/2002 Editorial

  • Frau Dr. K. Janhsen und Prof. Dr. G. Glaeske zeigen, dass Benzodiazepine immer noch zu lange und zu hoch dosiert verordnet werden. 1,2 Millionen Patienten bekommen derartige Mittel kontinuierlich verordnet und leiden an einer iatrogen induzierten Abhängigkeit. Es zeigt sich ferner, dass eine kleine Gruppe von Ärztinnen und Ärzten auffällig häufig und langfristig Benzodiazepin-Derivate verordnet. Auf der Grundlage einer Auswertung der Daten einer Ersatzkasse geben die Autoren einen detaillierten Überblick über Dauer, Häufigkeit und geschlechtsspezifische Verteilung der Verordnungen von Benzodiazepinhaltigen Schlafmitteln, Tranquilizern und Muskelrelaxantien.
  • Dr. J. Lindenmeyer setzt sich kritisch mit gestuften Versorgungsmodellen und den dadurch implizierten Veränderungen des Suchtkrankenhilfesystems auseinander. Er weist darauf hin, dass die Aneinanderreihung immer aufwendigerer Behandlungsmethoden äußerst fraglich ist. Beispielsweise besteht bei einem Scheitern der zunächst "billigen" Behandlungsmethode die Gefahr einer zunehmenden Demoralisierung und Demotivierung des/r Patienten/innen. Dadurch können negative Auswirkungen auf den nächsten aufwendigeren Behandlungsversuch entstehen. Er plädiert dafür, die Therapiemethode mit der höchsten Effektivität zu wählen und die Behandlungsintensität an den vorhandenen Behandlungsbedarf anzupassen. Er setzt sich für eine empirische Überprüfung der Effektivität "neuer" Behandlungsmodelle und für eine wirksame Erweiterung und Ergänzung des bestehenden Suchthilfesystems ein, anstatt ungeprüft Verlockungen eines radikalen Paradigmenwechsels zu erliegen.
  • Dr. V. Weissinger gibt einen Überblick über Entwicklungen in der Rehabilitation Abhängigkeitskranker. Er zeigt Entwicklungen und Trends zum Suchtmittelkonsum auf, beschreibt wirtschaftliche Auswirkungen der Sucht am Beispiel des Alkoholmiss-brauchs und der Alkoholabhängigkeit, gibt einen Überblick über Zahlen und Fakten der Suchtbehandlung sowie deren Effektivität und Effizienz und fordert ein verstärktes Disease-Management für Menschen mit Substanzproblemen.
  • W. Görgen weist auf bestehende Mängel der Früherkennung und Frühintervention bei alkoholgefährdeten und -abhängigen Personen während eines Krankenhausaufenthaltes hin und zeigt Verbesserungsmöglichkeiten, die durch den Einsatz von Konsiliar/- und Liaisondiensten erreicht werden können, auf. In der Kooperation zwischen (Allgemein-) Krankenhäuser und einem externen Leistungsanbieter wie beispielsweise Suchtberatungsstellen sieht er ein tragbares Modell zur Weiterentwicklung der suchtbezogenen Frühintervention. Der Autor beschreibt Einsatzmöglichkeiten von Screening-Verfahren und geht auf die Bedeutung der Behandlungs- und Betreuungskontinuität ein. Verwiesen wird darauf, dass tragfähige Finanzierungsgrundlagen für diese suchtbezogenen Leistungen im Krankenhaus noch zu schaffen sind.
  • Dr. R. Hümmelink und P. Grünbeck stellen eine aktuelle Auswertung der Routinedaten der BfA zur stationären Suchtrehabilitation vor. Die sozialmedizinische Zwei-Jahres-Prognose umfasst 5.776 Patienten, die wegen einer Alkoholkrankheit im Jahr 1998 stationär behandelt wurden. Fast 90 % der untersuchten Rehabilitanden sind zwei Jahre nach der Behandlung noch im Erwerbsleben verblieben, davon waren 62 % lückenlos erwerbstätig. Der Beitrag enthält darüber hinaus eine detaillierte Auswertung der Ergebnisse nach Geschlecht, alten und neuen Bundesländern, Alter, Einkommen, Arbeitsunf&auuml;higkeit vor der Rehabilitation und Entlassungsform der Suchtrehabilitanden.
  • Dr. U. Zemlin et.al. stellen erste Erfahrungswerte zur Indikation und Programmgestaltung einer teilstationären Entwöhnungsbehandlung für Alkoholabhängige dar. Die Autoren beschreiben die unterschiedlichen Behandlungsprofile von ambulanter, teilstationärer und stationärer Rehabilitation, Leitsätze der Tagesklinik, die Programmgestaltung sowie die Behandlungsmaßnahmen und geben Indikationsempfehlungen. Im weiteren werden die Fragestellungen für die Evaluation dargelegt, die Untersuchungsmethodik vorgestellt und erste Ergebnisse präsentiert.
  • Dr. K. U. Petersen und Prof. Dr. R. Thomasius geben einen Überblick über aktuelle Forschungsergebnisse zum Thema "Ecstasy" und weisen auf die hohe H&auuml;ufigkeit psychischer Störungen infolge des Konsums hin. Unklar bleibt allerdings in diesem Zusammenhang die Bedeutung des Beikonsums anderer Drogen. Des weiteren wird auf den Aspekt der Neurotoxizität von Ecstasy eingegangen. Die Autoren stellen fest, dass noch weitgehend geeignete Präventions- und Behandlungsangebote für die Konsumenten von Ecstasy fehlen.
  • H. Dilger und B. Hörger berichten über die Arbeit von MAKS, dem Modellprojekt Arbeit mit Kindern von Suchtkranken. MAKS ist ein spezielles ambulantes Angebot für Kinder, deren Eltern suchtmittelabhängig sind oder waren. Derzeit werden 74 Kinder und Jugendliche mit ihren Eltern betreut. Die Autorinnen beschreiben die Situation und Lebenswelt der betreuten Kinder und stellen die konkrete Arbeitsweise von MAKS dar. In diesem Zusammenhang sei darauf verwiesen, dass es sich bei diesen hochgradig gefährdeten Kindern und Jugendlichen von Suchtkranken nach wie vor um eine vernachlässigte Gruppe handelt, der im Rahmen der Prävention und Frühintervention eine deutlich höhere Aufmerksamkeit in der Versorgungspraxis zugemessen werden sollte.
  • Dr. V. Weissinger stellt die Ergebnisse einer Erhebung zum Thema "Raucherentwöhnung in Fachkliniken für Alkohol- und Medikamentenabhängige sowie für Drogenabhängige" vor, die bei Mitgliedseinrichtungen des Fachverbandes Sucht e.V. durchgeführt wurde. Die Ergebnisse sind zwar nicht als repräsentativ zu betrachten, sie vermitteln aber einen Eindruck über die aktuellen Behandlungsangebote und Aktivitäten der Fachkliniken für Abhängigkeitserkrankungen zur Reduzierung der Tabakabhängigkeit. Insgesamt ist davon auszugehen, dass verbunden mit der höheren Priorisierung des Themas "Tabak" im Rahmen der Public-Health-Diskussion auch der Tabakentwöhnung im Rahmen der medizinischen Rehabilitation Abhängigkeitskranker eine noch höhere Bedeutung zugemessen wird.


Von Seiten des Fachverbandes Sucht e.V. auf folgende weitere Aspekte verweisen:

  • Der FVS hat ein Positionspapier zur Qualifizierung der Entzugsbehandlung im Krankenhaus verfasst
  • Vom Vorstand des FVS wurde das Aufnahmeverfahren neu geregelt. Zukünftig wird das Aufnahmeverfahren erweitert und durch ein Beitrittsaudit ergänzt. Dies verstehen wir als Beitrag zur Qualitätssicherung in der Suchtbehandlung
  • Gemeinsam wurde von verschiedenen Suchtverbänden das Statement "Empfehlungen zur stationären Rehabilitation von Drogenabhängigen" verfasst, welches ebenfalls in der Ausgabe 02/2002 von "Sucht aktuell" gedruckt sind.