SuchtAktuell - Heft 1/2007 Editorial

In dieser aktuellen Ausgabe von "Sucht aktuell" finden Sie Beiträge zu folgenden Themen:

  • Dr. M. Zobel et al. stellen die Ergebnisse der FVS-Katamnese des Entlassjahrgangs 2004 von 14 Fachkliniken für Alkohol- und Medikamentenabhängige dar. Einbezogen sind hierbei 9.799 Patienten. Die Ausschöpfungsquote der Untersuchung betrug 60,6 %, die katamnestische Erfolgsquote lag für alle erreichten Patienten, die planmäßig entlassen wurden bei 73,8 % (DGSS 1) und für alle entlassenen Patienten bei 42,6 % (DGSS 4, Patienten ohne oder mit widersprüchlicher Katamneseinformation werden hierbei als rückfällig gewertet). Patienten- und Behandlungsmerkmale, die im Zusammenhang mit dem Therapieerfolg stehen, waren: Entlassart (planmäßig versus nicht planmäßig), Erwerbstätigkeit bei Aufnahme (erwerbstätig versus erwerbslos), Behandlungsdauer (von 13-16 Wochen versus bis zu 12 Wochen bzw. über 16 Wochen), Entwöhnungsbehandlungen im Vorfeld (keine versus mindestens eine), Entgiftungen im Vorfeld (keine versus mindestens eine), Partnerbeziehung (feste Partnerschaft versus keine feste Partnerschaft), sowie Geschlecht (weiblich versus männlich). Bei den rückfälligen Katamneseantwortern zeigte sich, dass 60,5 % der Rückfälle innerhalb der ersten drei Monate nach der Entlassung erfolgten. Obgleich sich der Trend zu einer Abnahme der Abstinenzquote insgesamt über die letzten Jahre hinweg fortsetzt, bestätigt die vorliegende Katamnese insgesamt die Effektivität stationärer medizinsicher Suchtrehabilitation.
  • P. Missel untersucht in seinem Beitrag den Zusammenhang zwischen Ergebnisqualität in der stationären Rehabilitation bei Alkoholabhängigkeit und der Behandlungsdauer. Der Beitrag liefert zahlreiche Hinweise darauf, dass mit der Reduktion der stationären Verweildauer auch ein Rückgang der Ergebnisqualit#ät (Kriterien: Erwerbssituation, Partnerschaftssituation, durchgängige Abstinenz) verbunden ist. Untersucht wurden hierbei die langfristigen Behandlungsergebnisse der Katamnesen des Fachverbandes Sucht e.V. der Jahrgänge 1997 bis 2003. Über die Jahre hinweg zeigen die Katamnese-Untersuchungen, dass für Erst- wie Wiederholungsbehandlungen die Behandlungsdauerklasse von 13 bis 16 Wochen die besten Therapieergebnisse ergibt. Auch für zukünftige Diskussionen zum Thema Behandlungszeiten stellt dieser Artikel eine wertvolle Grundlage dar.
  • Frau Dr. M. Vogelgesang weist in Ihrem Beitrag in Ihrem Beitrag nach, dass die psychische Komorbidität in der stationären Entwöhnungsbehandlung bei Alkoholabhängigkeit in den letzten 10 Jahren deutlich zugenommen hat. 24,5 % der Patienten der untersuchten Fachklinik (Entlassjahrgang 2006) wiesen zwei psychische Diagnosen auf, 1/3 drei und ein weiteres Drittel vier und mehr psychische Störungen pro Patient/in. Nikotinabhängigkeit lag an erster Stelle, gefolgt von Angststörungen, depressiven Störungen und Pers&oumlM;nlichkeitsstörungen. Somit zeigt sich eine erhebliche psychische Multimorbidität, auf deren therapeutische Indikation wird im weiteren eingegangen. Gefordert wird, dass von allen maßgeblichen Stellen die Problematik der psychischen Multimorbidität eine adäquate Würdigung erfährt, welche sich dann z. B. in der Patientenzuweisung, der Zuteilung von Behandlungs- und Verweildauern sowie in der Beurteilung von Therapieergebnissen und Katamnesen niederschlagen sollte.
  • Dr. J. Köhler, Frau P. Schmidt und Prof. Dr. M. Soyka berichten zum aktuellen Stand der Umsetzung der "Leitlinie für die stationäre Rehabilitation bei Alkoholabhängigkeit" der Deutschen Rentenversicherung Bund. Seit 1998 entwickelt die Deutsche Rentenversicherung in Zusammenarbeit mit verschiedenen Forschungs- und Expertengruppen Prozessleitlinien zur exemplarischen Krankheitsbildern wie koronare Herzerkrankung, Diabetes mellitus, Schlaganfall, chronischer Rückenschmerz und Mamakarzinom. Seit 2004 ist eine Ausweitung auf den Bereich der Alkoholabhängigkeit erfolgt. Hierzu wurde eine Literaturrecherche durchgeführt, eine Auswertung der KTL-Daten (Klassifikation therapeutischer Leistungen) anhand entsprechender Therapiemodule durchgeführt, eine schriftliche Expertenbefragung folgte daraufhin sowie zwei Expertenworkshops. Auf Basis dieser entsprechenden Rückmeldung sind noch erhebliche Veränderungen der ursprünglichen Version vorgenommen worden. Es bleibt, so stellen die Autoren als Fazit der beiden Expertentreffen fest, eine gewisse Skepsis und grundsätzliche Zurückhaltung in der Praxis bestehen, gleichwohl haben sich die Fachverbände und Experten konstruktiv an der Entwicklung des Leitlinienprojektes der Deutschen Rentenversicherung beteiligt. Eine erste Arbeitsversion wird den beteiligten Experten der stationären Einrichtungen im Bereich Alkoholabhängigkeit zur Verfügung gestellt werden. Darüber hinaus soll in einer Einführungsveranstaltung das Verfahren ausführlich vorgestellt werden und im Sommer 2007 eine Auswertung der KTL-Daten der an der Pilotphase beteiligten Einrichtungen erfolgen. Auf der Grundlage einer Befragung soll danach eine überarbeitete Version der Leitlinie erstellt werden, welche dann in die Routine der Qualitätssicherung übergehen soll.
  • Prof. Dr. W. Müller-Fahrnow, Frau C. Möllmann und Frau Dr. K. Spyra stellen das Konzept der Rehabilitanden-Management-Kategorien (RMKs) für den Bereich der stationären Suchtrehabilitation bei Alkoholabhängigkeit vor. Hierbei geht es um die Bildung bedarfs- und leistungsbezogener Fallgruppen, d.h. typische Rehabilitanden-Gruppen mit definiertem, intern homogenem und extern unterscheidbarem Behandlungsbedarf. Zurückgegriffen wird bei der RMK-Konstruktion auf Daten aus der Prozessdokumentation, welche durch Assessment-Daten ergänzt werden. Die abschließende Definition der RMKs basiert auf den erhobenen empirischen Ergebnissen wie auch auf klinisch-fachwissenschaftlicher Expertise. Prioritäres Ziel ist es, die Strukturierung und Durchführung der therapeutischen Leistungen in den Rehabilitationskliniken zu optimieren. Durch die Zuordnung katamnestischer Befunde ist es möglich, die Behandlungsergebnisse den unterschiedlichen Ausgangsbedarfen zuzuordnen. Dargestellt werden die Ergebnisse der Daten aus vier Fachkliniken sowie einer bundesweit repräsentativen Stichprobe der Deutschen Rentenversicherung Bund. Unter Rückgriff auf die KTL-verschlüsselten Leistungen wurden auf diese Wege vorläufige RMKs ermittelt. Die abschließende klinische Validierung der resultierenden Fallgruppen steht allerdings derzeit noch aus. Hier ist insbesondere der Einbezug klinischer Experten notwendig.
  • Frau M. Fischer et. al. stellen erste Ergebnisse des Forschungsprojekts "Drogenkatamnese" vor, welches in zwei Einrichtungen der abstinenzorientierten Drogenrehabilitation im Auftrag der Deutschen Rentenversicherung Rheinland-Pfalz durchgeführt wurde. In diesem ersten Artikel wird das Projekt vorgestellt und die Veränderungen von Behandlungsbeginn bis Behandlungsende beschrieben. Die Gesamtstichprobe umfasste 429 Patienten/innen, die im Durchschnitt 28,8 Jahre alt waren, die mittlere Abhängigkeitsdauer betrug 10 Jahre. Ein hoher Prozentsatz war arbeitslos (45,9 %) bzw. erwerbslos (10,5 %), ebenfalls hoch war die justizielle Belastung sowie die gesundheitliche Belastung und psychische Komorbidität. Insgesamt wurden 72 % der Patienten/innen planmäßig entlassen, die Behandlungszeit betrug bei der planmäßigen Behandlungsbeendigung im Durchschnitt 127,9 Tage, bei der regulären Behandlungsbeendigung 152,1 Tage. Die psychischen Beschwerden gingen in den meisten Skalen bis zum Behandlungsende deutlich zurück, die abstinenzbezogenen Kompetenzen wurden zum Behandlungsende von den Patienten/innen deutlich optimistischer eingeschätzt. Insgesamt kann bei vielen Patienten von "gelungenen Rehabilitationsverläufen" gesprochen werden. Knapp 1/3 wechselte bei Behandlungsende in ambulante, teilstationäre oder stationäre Nachsorgeeinrichtungen. Die katamnestischen Ergebnisse werden in der nächsten Ausgabe von "Sucht aktuell" vorgestellt.
  • Dr. C. Veltrup geht auf die Fragestellung ein, wie die Inanspruchnahme beantragter und genehmigter Rehabilitationsleistungen gefördert werden kann. Die Nicht-Antrittsquoten bei Alkoholabhängigen schwanken in Rehabilitationskliniken zwischen 10 und 30 %, in Rehabilitationskliniken für Drogenabhängige liegen diese noch darüber. Als Ansatzpunkte der für die Förderung der Nahtlosigkeit geht er auf drei Aspekte ein: Ein prärehabilitatives Betreuungsmodul in der psychosozialen Suchtberatung, die Überleitung vom qualifizierten Entzug zur stationären Entwöhnung und die Möglichkeiten der Förderung der Inanspruchnahme durch die stationären Sucht-Rehabilitationseinrichtungen selbst.
  • W. Görgen stellt in seinem Beitrag die Ergebnisse einer Expertise zum gegenwärtigen Stand von Good-Practice-Angeboten für junge Cannabiskonsumenten und Cannabiskonsumentinnen dar. Diese Expertise wurde im Auftrag des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, Koordinationsstelle Sucht, durchgeführt. Von 162 untersuchten Projekten wurden ca. 13.000 Personen der Zielgruppe im Jahr 2005 erreicht. Die meisten Angebote werden als spezifische Einzelprojekte vorgehalten. Darüber hinaus gibt es verschiedene Regelangebote und einen Teil der Einrichtungen wendet sich speziell an junge Drogenkonsumenten, bei denen junge Cannabiskonsumenten einen deutlichen Schwerpunkt ausmachen. Die Angebote erstrecken sich von speziellen Cannabissprechstunden und strukturierten Kurzinterventionen über spezifische Gruppen- und Trainingsangebote, die Arbeit mit Eltern und Angehörigen bis hin zu Informationsveranstaltungen, Online-Beratung, erlebnispädagogischen Ma&szllig;nahmen und aufsuchender Arbeit. Drei Aspekte sind von besonderer Bedeutung, um die Zielgruppe zu erreichen: Eine enge Kooperation mit Institutionen wie Schule, Einrichtungen der Jugendhilfe, Ausbildungsstätten, Justiz, niedergelassenen Ärzten etc.; Nutzung jugendspezifischer Strategien der Medienarbeit (z. B. Internet, Szenezeitschriften, Flyer); qualifizierte und bedarfsgerechte Angebote, die von Beratung, längerfristiger Betreuung über Behandlung, Rehabilitation bis zu aufsuchenden Maßnahmen reichen. Auch ist eine enge Zusammenarbeit mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie und psychotherapeutischen bzw. Beratungsangeboten erforderlich.
  • Dr. E. Roediger beleuchtet in seinem Beitrag die Hintergründe, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten von abhängigkeitskranken Menschen mit einer Borderline-Störung. Er verweist darauf, dass eine Kombination von Borderline-Erkrankungen und Sucht häufig vorkommt. Ferner geht er auf das Bedingungsgefüge von erblicher Belastung, traumatisierenden Erfahrungen und neurobiologischer Vulnerabilität ein, welches sich in Störungen in der Affektregulation niederschlägt. Eine vermehrte Impulsivität kann dann versucht werden durch Alkohol zu dämpfen. Aufgrund ihrer emotionalen Instabilität stellen sich an die Behandlung von Borderline-Patienten besondere Anforderungen. Hierzu stellt der Autor zwei Therapieansätze vor.


Hinweisen möchten wir noch auf den 20. Heidelberger Kongress am 11.-13. Juni 2007 zum Thema: "Die Qualitäten der Suchtbehandlung".

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen
Dr. Volker Weissinger?