SuchtAktuell - Heft 1/2006 Editorial

In dieser Ausgaben von "Sucht aktuell" finden sich aktuelle Beiträge zu folgenden Themen:

"’Frühzeitig, effektiv und nahtlos!’ - Fallmanagement bei Störungen durch Alkohol". Dieses Thema stand im Mittelpunkt einer Veranstaltung des Fachverbandes Sucht, welche in Zusammenarbeit mit der Deutschen Angestellten Krankenkasse am 11./12. Oktober 2005 durchgeführt wurde. Früherkennung und Frühintervention bei substanzbezogenen Störungen sind von entscheidender Bedeutung und eine stärkere Verknüpfung zwischen akutmedizinischem Bereich (niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern) und den Einrichtungen der Suchtkrankenhilfe und -behandlung ist zukunftsweisend. Im Rahmen der Arbeitstagung wurden Forschungsergebnisse vorgestellt, Zielsetzungen, Konzepte und Handlungsmöglichkeiten aus verschiedenen Sichtweisen zur Verbesserung eines Fallmanagements bei Störungen durch Alkohol diskutiert und Perspektiven aufgezeigt. Die Dokumentation der Tagung umfasst folgende Beiträge:

  • R. Schneider: Einführung in das Tagungsthema
  • M. Caspers-Merk: Grußwort der Drogenbeauftragten der Bundesregierung
  • Prof. Dr. M. Zielke: "Sucht macht krank!" - Aktuelle Ergebnisse der DAK-Studie
  • K. Spörkel: Fallmanagement: Steuerungs- und Verbesserungspotentiale bei Gesundheitsstörungen durch Alkohol aus Sicht der Krankenversicherung
  • Th. Keck: Fallmanagement bei Alkoholabhängigkeit: Ansatzpunkt für Innovation und Veränderung aus Sicht der Rentenversicherung
  • W. Roeb-Rienas: Fallmanagement - Effektiv und nahtlos: Impulse aus Sicht der Behandler
  • Fachverband Sucht e. V.: "Frühzeitig, effektiv und nahtlos" - Fallmanagement bei Störungen durch Alkohol: Stellungnahme des Fachverbandes Sucht e.V.


Weitere Beiträge sind:

  • E. Zoike und Ch. König werten Leistungsdaten der Betriebskrankenkassen zu psychischen Störungen und Suchterkrankungen aus. Es zeigt sich, dass der Anteil psychischer Erkrankungen am Krankheitsgeschehen in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat, während andere Krankheitsursachen rückläufig sind. Dies wird am Beispiel der Arbeitsunfähigkeitstage und -fälle sowie der Krankenhaustage nachgewiesen. Arbeitslose weisen deutlich mehr psychische Erkrankungen auf als Erwerbstätige. Die Gefährdung durch Suchterkrankungen sinkt mit steigender beruflicher Qualifikation. Anders als bei der Arbeitsunfähigkeit fallen Krankenhausbehandlungen durch psychotrope Substanzen deutlich stärker ins Gewicht und machen bezogen auf psychische und Verhaltensstörungen bei den Männern 43 % und bei den Frauen 18 % der Fälle aus. Die Leistungsausgaben von Versicherten der BKK, die über ambulante oder stationäre Diagnosen als Suchtkranke identifiziert werden konnten, betragen das 2,5fache der durchschnittlichen Leistungsausgaben aller Versicherten.
  • W. Görgen befasst sich ebenfalls mit dem Thema Frühintervention und stellt ausgewählte Ergebnisse zu einem Kooperationsmodell einer Suchtberatungsstelle mit Allgemeinkrankenhäusern dar. Das Modell zeigt, dass Menschen mit substanzbezogenen Störungen durch ein gezieltes suchtspezifisches Angebot einer externen Stelle während eines Krankenhausaufenthaltes auf ihre Suchtprobleme angesprochen und zu einem großen Teil in weiterführende suchtspezifische Hilfen vermittelt werden können. Die Finanzierung der Maßnahmen basiert auf Vereinbarungen der Arbeitsgemeinschaft der Bayerischen Krankenkassen mit den Allgemeinkrankenhäusern. Im Rahmen der Pflegesatzverhandlungen wurden entsprechende Mittel für die Durchführung des Projektes im Krankenhausbudget bereitgestellt.
  • H. Ziegler behandelt das Thema Früherkennung substanzbezogener Probleme am Arbeitsplatz. Er macht deutlich, dass Früherkennung auch in diesem Bereich gefördert werden müsste, gibt Hinweise für die praktische Personalarbeit, weist auf die entsprechenden gesetzlichen Grundlagen der Unfallverhütungsvorschriften hin und geht auf die besondere Bedeutung der Betriebsärzte und Sozialberater in diesem Aufgabenfeld ein.
  • Prof. Dr. D. Henkel und Dr. U. Zemlin liefern neue empirische Ergebnisse und Schlussfolgerungen für die Praxis der medizinischen Rehabilitation zum Thema „Arbeitslosigkeit und Suchtbehandlung“. Sie weisen nach, dass die Arbeitslosenquote der Alkoholabhängigen in der Suchtrehabilitation seit dem Jahr 1975 deutlich zugenommen hat, untersuchen den Erwerbsverlauf über einen Zeitraum von zwei Jahren vor und nach der Suchtrehabilitation anhand einer BfA-Stichprobe des Jahrgangs 2001 sowie die rückfallbeeinflussenden Bedingungen bei alkoholabhängigen Arbeitslosen auf der Grundlage der Daten einer Fachklinik. Als Rückfallprädiktoren stellten sich heraus: Zahl bisheriger Entzugsbehandlungen, Arbeitslosigkeitszeiten in den letzten drei Jahren, Substanzkonsum während der Behandlung, Unzufriedenheit mit der Freizeitgestaltung sowie der Partnersituation nach der Rehabilitation. Schutzfaktoren sind die Fähigkeit zu aktivem Coping, die Einleitung von Weiterbehandlungsmaßnahmen bei bestehender Arbeitsunfähigkeit bei Entlassung sowie die regelmäßige Teilnahme an Selbsthilfegruppen im Anschluss an die Suchtbehandlung. Die Autoren setzen sich dafür ein, dass Maßnahmen zur Förderung der Teilhabe am Arbeitsleben unter methodischen und strukturellen Gesichtspunkten weiter systematisiert und intensiviert werden müssen. Zentrale Bedeutung kommt dabei auch einem institutionalisiertem beruflichen Integrationsmanagement zur überbrückung der kritischen Schnittstelle zwischen Suchtrehabilitation und Arbeitsverwaltung bei.
  • Dr. V. Weissinger gibt einen überblick über Zukunftsperspektiven und Entwicklungsaufgaben der Suchtbehandlung. Ausgehend von demografischen und gesellschaftlichen Trends gibt er einen Überblick über substanzbezogene Störungen in Deutschland und den entsprechenden Interventionsbedarf. Es wird die Bedeutung der Frühintervention hervorgehoben, des weiteren Behandlungsangebote und Hilfen für suchtkranke Menschen dargestellt und spezifische Entwicklungsaufgaben beschrieben. Hierzu gehören Diagnostik und Indikationsstellung, Pluralität und Spezialisierung der Behandlungsangebote, Erhalt der Qualität und Wirksamkeit der Behandlung, Qualitätsvergleiche auf einer „gesicherten“ Basis sowie die Förderung der Teilhabe am Arbeitsleben und der beruflichen (Re-) Integration. Des weiteren stellt die Evidenzbasierung und Leitlinienentwicklung eine weitere aktuelle Entwicklungstendenz dar.
  • Dr. D. Geyer und Dr. M. Wernardo stellen eine gemeinsame Stellungnahme des Bundesverbandes der Chefärztinnen und Chefärzte von Suchtfachkliniken (DBCS) und der Deutschen Suchtmedizinischen Gesellschaft (DSMG) zur indikationsgeleiteten Therapiedauer in der stationären Rehabilitation Abhängigkeitskranker vor. Sie weisen darauf hin, dass eine weitere Verkürzung der Dauer stationärer Entwöhnungstherapien fachlich nicht gerechtfertigt ist. In der Stellungnahme wird darauf verwiesen, dass die Datenlage für die Notwendigkeit von 6-24-wöchigen Behandlungen spricht. Darüber hinaus sei bei einer weiteren Verkürzung der durchschnittlichen Behandlungszeiten, insbesondere ohne Veränderung der Stellenpläne und Vergütungssätze der stationären Einrichtungen mit sich verschlechternden Behandlungsergebnissen zu rechnen. Der beschrittene Weg, den Behandlungseinrichtungen im Rahmen eines Gesamtbudgets die Verantwortung für eine indikationsgeleitete Entscheidung zur notwendigen Therapiedauer zu überlassen, sollte nach Einschätzung der beiden Verbände fortgesetzt werden. Auch sollte die Vernetzung der ambulanten und stationären Behandlungsangebote und abgestimmte Kombinationsbehandlungen im Verbundsystem weiter ausgebaut werden. Dies dürfe allerdings nicht zur Aushöhlung der finanziellen Situation der stationären Einrichtungen führen.
  • Prof. Dr. M. Soyka, B. Löhnert, M. Bottlender stellen die Ergebnisse zur Untersuchung der Effektivität der ambulanten Suchtrehabilitation der Klientenzentrierten Problemberatung in Dachau vor. Sie zeigen, dass die ambulanten Bewilligungen von Rehabilitationsmaßnahmen in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben, beschreiben die derzeitigen Indikationskriterien, das Therapieprogramm der Einrichtung und stellen die Therapieergebnisse der ambulanten Rehabilitation vor. Bei den soziodemografischen Angaben zeigt sich, dass die ambulant behandelten Patienten deutlich besser integriert sind, als Patienten im stationären Setting. So waren nur 20 % aller alleinstehend und lediglich 19 % waren arbeitslos. Vor diesem Hintergrund sind auch die hohen Abstinenzraten zu betrachten. Nach 12 Monaten betrug die Abstinenzrate 56 %, nach 36 Monaten lebten 43 % durchgehend abstinent. Die Autoren weisen darauf hin, dass im deutschsprachigen Raum derzeit nur eine Handvoll Therapiestudien zur Frage der Effizienz ambulanter Entwöhnungstherapien vorgelegt wurden. Hier zeigt sich noch Entwicklungsbedarf.
  • C. Diekneite erstellt eine prognostische Einschätzung des zu erwartenden Klientels nach § 16, Abs. 2 SGB II in den Beratungs- und Behandlungsstellen für Sucht- und Drogenkranke und -gefährdete am Beispiel des Landes Mecklenburg- Vorpommern. Der aktuelle Stand zeigt, das die ARGE`n derzeit noch immer mit der Organisation der Arbeit im eigenen Haus beschäftigt sind, die Fallmanager sich derzeit noch weitgehend in der Schulungsphase zum Thema Abhängigkeit befinden, die Arbeit mit dem Instrument „Eingliederungsvereinbarung“ erst seit dem 4. Quartal des Jahres 2005 richtig beginnt und mit einem erheblichen Aufwand für diese Klientengruppe zu rechnen ist. Die Schätzung geht von 2.793 betroffenen Personen allein in Mecklenburg-Vorpommern aus.


Wir verweisen des weiteren auf die Stellungnahmen des Fachverbandes Sucht e. V. zu folgenden Themen:

  • Vorschläge zur „Umsetzung des SGB II im Bereich der Sucht- und Drogenhilfe, -behandlung
  • Kommentar zur Stellungnahme der Projektgruppe Suchtbehandlung „zum aktuellen Stand und zur Weiterentwicklungsmöglichkeit in der Rehabilitation Abhängigkeitskranker“


Zum Schluss sei noch in eigener Sache angemerkt, dass der 19. Heidelberger Kongress am 03.-05. Mai 2006 zum Thema "Wirksame Therapie! - Wissenschaftlich fundierte Suchtbehandlung" stattfinden wird.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen Dr. Volker Weissinger