SuchtAktuell - Heft 1/2005 Editorial

In dieser Ausgaben von "Sucht aktuell" finden sich aktuelle Beiträge zu folgenden Themen:

  • M. Zobel et. al. geben einen allgemeinen Überblick über die stationäre Suchtrehabilitation im Rahmen der Katamnese des Entlassjahrgangs 2002 von Fachkliniken für Alkohol- und Medikamentenabhängige des Fachverbandes Sucht e. V. In die Stichprobe gingen 7.875 Patienten/innen ein, die Rücklaufquote beträgt 63,1 %. Die katamnestische Erfolgsquote beträgt bezogen auf alle erreichten Patienten/innen 73,9 % (durchgängig abstinent 63,6 %, abstinent nach Rückfall 10,3 %) und bezogen auf alle in 2002 entlassenen Patienten 46,4 % (durchgängig abstinent 40 %, abstinent nach Rückfall 6,4 %). Die Untersuchung bestätigt, dass Patienten, die aus einer festen Partnerschaft kommen, die erwerbstätig sind, die keine Entgiftungs- oder Entwöhnungsbehandlung vor der Indexbehandlung aufwiesen, welche die Behandlung planmäßig beenden und eine Behandlungszeit von 13-16 Wochen haben (bei planmäßiger Beendigung), höhere Therapieerfolge aufweisen als die jeweiligen Vergleichsgruppen. Insgesamt sprechen die Ergebnisse für die hohe Ergebnisqualität in der Behandlung Abhängigkeitskranker und stellen wertvolle Hintergrundinformationen z.B. für die Diskussion um den Zusammenhang zwischen Therapieerfolg und Therapiezeiten dar.
  • PD Dr. R. Demmel berichtet über die Möglichkeiten in der ärztlichen Praxis ein Screening-Verfahrens und Kurzinterventionen bei schädlichem Konsum von Alkohol und Alkoholabhängigkeit durchzuführen. Er fordert, dass im Mittelpunkt des Gespräches mit den Patienten keine Differentialdiagnostik, sondern die Förderung der Veränderungsbereitschaft des Patienten stehen sollte und setzt sich von daher für den Einsatz "sparsamer" Screening-Verfahren ein. Entsprechende Tipps zur Gesprächsführung werden gegeben und auf die Notwendigkeit der Schulung von Fähigkeiten wie aufmerksames Zuhören und empathisches Verstehen verwiesen. Hierzu wird auf ein spezifisches Fortbildungsprogramm eingegangen.
  • Dr. H.-J. Rumpf et. al. verdeutlichen, dass Einrichtungen der medizinischen Versorgung geeignet sind, um frühzeitig und aktiv Menschen mit Alkoholproblemen Interventionen anzubieten, die es ihnen ermöglichen, die Trinkmenge zu reduzieren, abstinent zu werden oder weitergehende Hilfe in Anspruch zu nehmen. Angesichts der bestehenden geringen Bereitschaft und der Möglichkeit der niedergelassenen Ärzte, Frühinterventionen durchzuführen, betonen die Autoren, dass ökonomische Methoden, d. h. Minimalinterventionen, hier besonders notwendig sind. In diesem Zusammenhang stellen sie ein Selbsthilfemanual vor, das auf dem transtheoretischen Modell beruht und stellen Expertensysteme, d. h. computergestützte Interventionssysteme zur Verhaltensänderung, vor. Die empirische Absicherung der Wirksamkeit eines vorgestellten computergestützten Feed-Back-Systems steht noch aus.
  • Frau Dr. P. Schuhler geht auf Möglichkeiten der frühzeitigen Behandlung des schädlichen Gebrauchs von Alkohol und von suchtpotenten Medikamenten ein. Die Autorin geht von einem Defizit geeigneter Therapieangebote, die gezielt auf den Suchtmittelabusus richten, aus. Im weiteren stellt sie das Münchwieser Programm vor und erläutert dessen Leitlinien. Der Suchtmittelkonsum wird dabei als untauglicher, nicht bewusst registrierter Selbstheilungsprozess verstanden. Das Programm ist auf zwölf Stunden in sechs Wochen (zweimal wöchentlich) angelegt. In einem zweijährigen Evaluations- und Katamneseprojekt zeigt sich, dass 81 % der Katamneseteilnehmer das Auslassen des Suchtmittels zur Lebensbewältigung gelangen.
  • Dr. B. Schneider, Dr. H. Götz, J. Groos stellen Entwicklungsmöglichkeiten für die Vernetzung und Kooperation von Akutbehandlung und Rehabilitation im Sinne einer integrierten Versorgung dar. Im Mittelpunkt des Projektes steht der Einsatz einer zusätzlichen Fachkraft, welche motivationale Gespräche während der Entgiftungsbehandlung im Krankenhaus durchführt. Erfreulicherweise zeigte sich eine hohe Inanspruchnahme von weitere Beratungs- und Kooperationsgesprächen der betroffenen Patienten/innen von 52,7 %. Geplant ist, in einem weiteren Schritt ambulant behandelte Patienten aus dem Akutbereich einzubeziehen. Damit ließe sich eine weitere Schnittstelle im sektorisierten Gesundheitswesen optimieren.
  • Dr. H.P. Tossmann beschreibt in seinem Artikel Verbreitung, Konsummuster und Hilfebedarf bezogen auf Cannabiskonsum. 25,2 % aller Erwachsenen (18 bis 59 Jahre) verfügen über Erfahrungen mit Cannabis, im Alter zwischen 12 und 25 Jahren sind es sogar 31 %. Etwa 8 bis 9 % aller Cannabiskonsumenten im Alter zwischen 14 und 24 Jahren erfüllen die Kriterien des Cannabismissbrauchs, 4 bis 7 % eine Cannabisabhängigkeit. Die überwiegende Mehrzahl aller Konsumenten betreibt allerdings einen eher gelegentlichen Kon-sum. Der abhängige Cannabiskonsum kann als Coping-Strategie bei unzureichenden Ressourcen zur Bewältigung alltäglicher Stressoren interpretiert werden. Die Inanspruchnahme suchtspezifischer Hilfen ist - trotz Zunahme im ambulanten Bereich - eher als unbefriedigend einzuschätzen. Evaluierte Programme zur Behandlung Cannabisabhängiger gibt es in Deutschland bislang nicht. Der Autor verweist darauf, dass zwei Beratungskonzepte derzeit systematisch erprobt werden.
  • K. Metz, Dr. C. Kröger, B. Orth berichten über Tabakentwöhnung in Alkoholrehabilitationskliniken und stellen die Ergebnisse des WIRK-Projektes vor. Rauchen und riskanter Alkoholkonsum zeigen einen synergetischen Effekt als mögliche Hauptverursacher von über 180 Erkrankungen mit frühzeitiger Todesursache. Das WIRK-Projekt verfolgt das Ziel, in der stationären Suchtrehabilitation die Angebote für Raucher/Raucherinnen zu optimieren. Es handelt sich um die größte Studie zu Tabakentwöhnungsmaßnahmen in Deutschland in diesem Setting. Eingesetzt wurden zwei unterschiedliche Verfahren zur Tabakentwöhnung. Die Teilnahme daran war freiwillig. Von den erreichten Teilnehmer/innen waren 6 Monate nach der Intervention bei beiden Programmen noch 11,4 % tabakabstinent, unter Einschluss der Dropouts war die Abstinenzquote nur 5,7 % . Beide Interventionsformen erreichten in etwa die gleichen Abstinenzquoten. Diskutiert werden die Gründe für die relativ geringe Erfolgsquote. Derzeit beginnt ein Anschlussprojekt WIRK II mit der Zielsetzung durch zusätzliche strukturelle Maßnahmen die Ergebnisse zu verbessern.
  • Dr. E. Roediger stellt Elemente einer neurobiologisch fundierten Suchttherapie dar. Neurobiologisch besteht nach ihm der Therapieprozess im wesentlichen darin, dass in der Therapie kortikal gesteuerte Verhaltensmuster aufgebaut werden, die in Situationen emotionaler Aktivierung im Mittelhirn bleibt diese so beruhigen können, dass nicht auf Suchtmittel zur Beruhigung zurückgegriffen werden muss. Der Autor beschreibt den erlebten inneren Zwiespalt von Suchtpatienten auf neuronaler Ebene, geht auf das Suchtgedächtnis sowie auf Menschen mit Störungen der frühen Bindungserfahrungen ein und stellt Therapieansätze zur Bewältigung negativen emotionalen Erlebens und Interventionsformen, die sich neurobiologisch begründen lassen, dar.
  • Dr. K. Amann und W. Roeb-Rienas geben einen Überblick zur Entwicklung der ICF der Weltgesundheitsorganisation, ihre Bedeutung und Problematik in Bezug auf die Rehabilitation von Abhängigkeitserkrankten. Hintergrund, Geschichte, Zielsetzungen und Kerngedanken der ICF sowie deren Aufbau und Bedeutung in Deutschland werden erläutert. Im Weiteren wird auf ihre Relevanz für die Suchtrehabilitation eingegangen. Eine Kodierung nach der ICF kann keinesfalls die Klassifizierung einer Erkrankung nach ICD-10 ersetzen, beide Systeme ergänzen sich gegenseitig. Die Autoren weisen ferner daraufhin, dass eine Arbeitsgruppe des buss und FVS derzeit dabei ist, die ICF-Items nach suchtrehabilitationsrelevanten Prioritäten einzuteilen, woraus sich ein Core Set erarbeiten lässt. Insbesondere kommt es darauf an, ein für die Alltagspraxis taugliches Instrument zu entwickeln und Abhängigkeitserkrankungen angemessen abzubilden.


Darüber hinaus sei noch darauf verwiesen, dass der FVS "Grundprinzipien und Leitsätze zur Prävention und Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen (Stand Februar 2005)" verabschiedet hat, die ebenfalls in dieser Ausgabe von Sucht aktuell abgedruckt sind. Der 18. Kongress des Fachverbandes Sucht in Heidelberg widmet sich vom 13. bis 15. Juni 2005 dem Thema "’Integrierte Versorgung’: Chancen und Risiken für die Suchtrehabilitation".

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen Dr. Volker Weissinger