SuchtAktuell - Heft 1/2003 Editorial

 

  • Prof. Dr. U. John et.al. geben in ihrem Artikel einen Überblick über Tabak- und/oder alko-holattributale Mortalität und Morbidität in Deutschland. Sie zeigen, dass im Jahr 1997 167.845 (19,5 %) Todesfälle auf den Konsum von Tabak und Alkohol zurückgehen. Des weiteren sind 30,2 % der stationär behandelten Krankenhausfälle in der Altersgruppe der 25 - 64 Jährigen (insgesamt 2.215.000 Fälle) entsprechend einzuordnen. 32,2 % der gesamten stationären Krankenhausbehandlung (7,59 Mrd. Euro) wurden hierfür aufgewendet. Die Autoren plädieren in diesem Zusammenhang für einen deutlichen Ausbau der Prävention, Früherkennung und -intervention.
  • Frau M. Caspers-Merk stellt als Drogenbeauftragte der Bundesregierung die Perspektiven der Drogen- und Suchtpolitik der Bundesregierung vor. Das wichtigste Vorhaben liegt derzeit in der Verabschiedung eines mit den Ländern, den Leistungsträgern und -erbringern in der Suchtkrankenhilfe abgestimmten "Aktionsplan Drogen und Sucht". In diesen Plan werden die vier Säulen "Prävention", "Behandlung/Therapie", "Überlebenshilfe" und "Repression" behandelt. Des weiteren weist die Autorin darauf hin, dass Schwerpunkte der Politik auf den Bereichen der Prävention des Tabakkonsums, der Reduktion alkoholbedingter Schäden, der sparsameren Verschreibung von Arzneimitteln sowie der sozialen und beruflichen Integration ehemals Suchtkranker liegen.
  • H. Kluger et. al. geben in ihrem Beitrag einen Überblick über die Ergebnisqualität der stationären Suchtrehabilitation in Fachkliniken für Alkohol- und Medikamentenabhängige. Die katamnestische Erfolgsquote lag für den gesamten Entlassjahrgang (N = 6.848 Patienten/innen) bei 48,5 %, davon waren 42,3 % durchgängig über das gesamte Nachuntersuchungsjahr abstinent. Betrachtet man nur die Katamneseantworter (N = 4.267) so betrug die Erfolgsquote 74,2 %, davon waren 64,9 % durchgängig abstinent. Untersucht wurden nicht nur die Abstinenzquoten, sondern auch die Zufriedenheit mit den unterschiedlichen Lebensbereichen. Die Effektivität der Behandlung wird durch die Untersuchung eindrucksvoll belegt. Hierbei zeigte sich auch, dass zu Beginn der Behandlung 37,5 % arbeitslos waren und sich dieser Anteil im Katamnesezeitraum auf 19 % reduzierte.
  • G. Bischof, Prof. Dr. U. John, Dr. H. J. Rumpf beschreiben geschlechtsspezifische Aspekte der Abhängigkeit von psychotropen Substanzen. Hinsichtlich der Prävalenz lässt sich folgende geschlechtsspezifische Verteilung feststellen:

    Bei Alkoholabhängigkeit beträgt das Verhältnis Männer zu Frauen 4 : 1, bei Medikamentenabhängigkeit 2 : 3 und bei illegalen Drogen 1,5 : 1. Ausgeführt wird ferner der Kenntnisstand über geschlechtsspezifische Risikofaktoren und Trinkmuster sowie über Unterschiede hinsichtlich der Inanspruchnahme von Hilfen und der Behandlungsverläufe.
  • Dr. H. G. Haaf und Dr. F. Schliehe weisen darauf hin, dass mit der Einführung des DRG (Diagnosis Related Groups)-Systems im Krankenhaus elementare Umwälzungen der Struktur, der betriebswirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der Behandlungsverläufe im Krankenhaus verbunden sind. Sie befassen sich mit den Folgen der Einführung der DRG's für den Akutbereich (inkl. der Entzugsbehandlung) und beschreiben die zu erwartenden Auswirkungen für die medizinische Rehabilitation. Hinsichtlich einer möglichen Einführung von DRG's in der Suchtrehabilitation überwiegen nach Ansicht der Autoren die Gründe, die gegen eine Vergütung von entsprechenden Leistungen mit Pauschalen sprechen.
  • Prof. Dr. J. Wolffgramm legt wesentliche Erkenntnisse der neurobiologischen Suchtforschung dar. Im Tierversuch zeigte sich, dass ein Tier, welches einmal einen Kontrollverlust über den Substanzkonsum erlitten hatte, die Kontrolle nicht mehr spontan zurückgewann. Die "Point of no return-Hypothese" hat sich somit im Tiermodell bestätigt, d. h. es gibt einen Unterschied zwischen denjenigen, die ein süchtiges Verhalten entwickeln und denen, die kontrolliert konsumieren können. Dieser Unterschied zeigt sich erst nach einer längeren Phase kontrollierten Konsums, er entwickelt sich dann aber schnell und dramatisch. Des weiteren zeigte sich, dass nur eine freiwilliger, selbstbestimmter Konsum im Tiermodell zur Sucht führte, eine forcierte Verabreichung ohne Ausweichmöglichkeit hat zwar eine körperliche Abhängigkeit zur Folge, aber keine fortbestehende Sucht.
  • Prof. Wolffgramm liefert damit einen wichtigen Grundlagenbeitrag für die weitere Diskussion und Differenzierung von Patienten/Klienten, bei denen das Therapieziel "kontrolliertes Trinken" bzw. "Abstinenz" im Vordergrund stehen sollte.
  • In zwei Beiträgen von Th. Hintz, Frau S. Merkel und Prof. Dr. K. Mann sowie von Prof. Dr. K. Mann, Prof. Dr. M. Gastpar, Prof. Dr. U. John, Prof. Dr. H. U. Wittchen wird ein Überblick über den BMBF-Förderschwerpunkt "Forschungsverbünde für die Suchtforschung" gegeben. Die Fördersumme umfasst insgesamt 10,1 Mio. Euro und 27 Projekte. Hervorgehoben wird, dass der Gesamtcharakter der Verbünde auf die Versorgungsforschung ausgerichtet ist und erstmals auch Grundlagen und Interventionsmöglichkeiten bei Nikotinmissbrauch und -abhängigkeit breiteren Raum einnehmen. Die verschiedenen Projektvorhaben werden beschrieben und Kontaktm&uoml;glichkeiten aufgeführt.
  • Frau Dr. Hosser untersucht die Drogenproblematik im Jugendstrafvollzug. Sie belegt den gewaltigen Anstieg der Anzahl der Inhaftierten (31.02.2002: 7.568 Jugendliche, Heranwachsende und junge Erwachsene) und die Verjüngung der Klientel. Nach einer aktuellen Studie liegt bei erstmals Inhaftierten deutschen Personen die Zahl der drogenabhängigen Inhaftierten mit hohem Gefährdungsrisiko bei 30,5 %. Bezogen auf Alkohol liegt der An-teil bei 12,1 %, eine "reine" Alkoholabhängigkeit kommt bei 8,0 % der Stichprobe vor. Die Autorin betont in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Verknüpfung der Drogenhilfe mit dem Jugendstrafvollzug sowie den staatlichen Erziehungsauftrag des Jugendstrafvollzugs und weist auf die Probleme der Umsetzung angesichts der vorhandenen personellen Ressourcen hin.
  • Der Beitrag von Frau Prof. Dr. A. Franke und F. Groth untersucht die Entwicklung der Drogentodesfälle in Dortmund von 1990-2000. Insgesamt wurden 401 drogenbedingte Todesfälle registriert. Über die Hälfte starb in einer Wohnung (57 %), die überwiegende Mehrzahl in Folge einer Überdosis (96,6 %), in 74 % der untersuchten Fälle trat der Tod aufgrund politoxikomanen Konsums ein. Methadon konnte bei 21 % der Drogentoten der Jahre 1997-2000 nachgewiesen werden, dies weist auf einen deutlichen Verbesserungsbedarf in der Substitutionsbehandlung hin.