Stoffungebundene Suchtformen

Pathologisches Glücksspiel
Die Anzahl pathologischer Glücksspieler wird in Deutschland auf 100.000 bis 170.000 Personen geschätzt. Vorrangig handelt es sich hierbei um sogenannte Automatenspieler. Beim pathologischen Glücksspiel handelt es sich um ein andauerndes und wiederkehrendes fehlangepasstes Glücksspielverhalten, das nosologisch als Impulskontrollstörung eingeordnet, gleichzeitig jedoch als nicht-stoffgebundenes Abhängigkeitssyndrom operationalisiert wird. Die Entwöhnungsbehandlung von pathologischen Glücksspielern kann sowohl in Sucht- als auch in psychosomatischen Rehabilitationseinrichtungen erfolgen. Voraussetzung ist, dass ein angemessenes Glücksspieler-spezifisches Rehabilitationsangebot in den Einrichtungen vorhanden ist.

Pathologische Glücksspieler mit einer zusätzlichen stoffgebundenen Abhängigkeit werden bei vorliegenden entsprechenden Indikationskriterien vorrangig in einer ambulanten oder stationären Einrichtung für Abhängigkeitserkrankungen behandelt. Dies trifft auch auf pathologische Glücksspieler, welche insbesondere eine zusätzliche Persönlichkeitsstörung des narzisstischen Typs aufweisen, zu.

Pathologische Glücksspieler, die hingegen Merkmale einer depressiv-neurotischen Störung oder eine Persönlichkeitsstörung vom selbstunsicheren/vermeidenden Typ aufweisen, sowie pathologische Glücksspieler mit einer zusätzlichen psychischen Störung werden in der Regel in psychosomatischen Abteilungen stationärer Einrichtungen rehabilitiert.

Die Rehabilitationsdauer und der Bewilligungszeitraum in psychosomatischen Abteilungen stationärerer Einrichtungen betragen je nach Ausprägung des Störungsbildes und des Rehabilitationskonzeptes in der Regel sechs Wochen.

In Fachkliniken für Suchtrehabilitation kann die Aufenthaltsdauer bis zu 16 Wochen betragen.

Die Renten- und Krankenversicherung hat am 1. Juli 2001 eine entsprechende Empfehlungsvereinbarung für die medizinische Rehabilitation bei pathologischem Glücksspielen verabschiedet, welche nähere Informationen zum Krankheitsbild, zur Bewilligung entsprechender Leistungen sowie den Inhalten der Behandlung gibt.

 

Pathologischer PC-Internet/Gebrauch
Zunehmend fällt eine Minderheit von Internetnutzern dadurch auf, dass die Nutzung des Internets nicht adäquat hinsichtlich der Häufigkeit und Dauer kontrollieren kann. Die Inhalte des Denkens dieser Menschen werden mehr und mehr von vergangenen oder zukünftigen Online-Aktivitäten geprägt. Der exzessive Zeitverbrauch für diese Tätigkeiten führt zu wachsenden Problemen, die auch aus der Vernachlässigung von Pflichten entstehen. Werden diese jedoch unvermindert fortgesetzt, so ergibt sich ein dem pathologischen Spielen vergleichbares Störungsbild, das in Anlehnung daran als „pathologischer PC-/Internetgebrauch“ bezeichnet werden kann. Dabei treten negative körperliche (z. B. Störung des Wach-Schlaf-Rhythmus, Rückenbeschwerden), psychische (z. B. Essstörungen, depressive Reaktionen, zunehmende soziale Ängstlichkeit) und soziale (sozialer Rückzug) Folgen auf, die das Problemverhalten Teufelskreis-artig verstärken. Der PC-/Internetgebrauch dient zunehmend auch der Kompensation alltäglicher Frustrationen. Es erfolgt eine Ersatzbefriedigung menschlicher Grundbedürfnisse nach Kontrolle, Selbstwertsteigerung und Bindung in der virtuellen Welt. Die bisher vorliegenden diagnostischen Kriterien des pathologischen PC-Gebrauchs sind:

  • exzessive schul- oder berufsfremde PC- bzw. Internet-Nutzung von mehr als 30 Stunden wöchentlich,
  • ein zumindest zeitweiliges unwiderstehliches Verlangen, am Computer zu spielen,
  • Ausrichtung des eigenen Lebens auf die Zeiten, die man mit der Chat- oder Spielgruppe verbringt,
  • Zurücktreten der realen Erlebniswelt mit problematischen Auswirkungen auf Erleben und Verhalten,
  • fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügungen oder Interessen,
  • kompensatorische Suche nach Anerkennung, Kontrollkompetenz, Erfolgsgefühlen und Abfuhr von aggressiven Regungen,
  • anhaltende exzessive Computernutzung trotz nachweislicher körperlicher, psychischer und sozialer Schäden,
  • Automatisierung der Online-Aktivitäten bzw. verminderte Kontrollfähigkeit bzgl. Beginn, Beendigung und Dauer des Computerspielens,
  • anklingende „Entzugserscheinungen“ bei verminderter Computernutzung (Nervosität, Reizbarkeit, Unruhe, Schlafstörung).

Gerade Online-Spiele vom MMORPG-Typ (Massively Multiplayer Online Role Playing Games), wozu beispielsweise „World of Warcraft“ zählt, scheinen einen hohes Bindungspotenzial in sich zu tragen, da sie gleichzeitig mehrere Spielbedürfnisse ansprechen. Bei exzessiven Spielern bestehen häufig komorbide Persönlichkeitsstörungen. Hierbei handelt es sich vorwiegend um depressive Störungen (und soziale) Angststörungen, ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörungen, Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörungen sowie Essstörungen. Daneben sind Suchterkrankungen, insbesondere die Ta-bak-, Alkohol- und Cannabisabhängigkeit sowie die Glücksspielsucht vorherrschend.

Über die Häufigkeit klinisch relevanter Störungsbilder des pathologischen Internetgebrauchs mit entsprechender Behand-lungsbedürftigkeit sind jedoch derzeit noch keine Aussagen möglich. In internationalen Studien schwanken die Angaben zur Prävalenz des pathologischen Internetgebrauchs von Jugendlichen zwischen 1,6 % und 8,2 %. Diese Angaben hängen auch von der zum Teil unterschiedlichen Festsetzung der Kriterien für das Vorliegen einer Störung ab. Grundsätzlich erscheinen Rehabilitationsleistungen in einem ambulanten, tagesrehabilitativen oder stationären Setting möglich, sofern qualifizierte Behandlungskonzepte dafür vorliegen. Das Behandlungsangebot sollte wöchentlich mindestens die folgende Elemente umfassen:

  • störungsspezifische Gruppenpsychotherapien im Umfang von drei Sitzungen,
  • ein Einzelgespräch,
  • Training zur Entwicklung von Medienkompetenz,
  • adjuvanztherapeutische Behandlungsangebote zur Entwick-lung von Alternativverhalten,
  • gegebenenfalls einzel- oder gruppentherapeutische Behandlung komorbider Störungen.

Vor dem Hintergrund eines Verständnisses des pathologischen PC-Gebrauch als entwicklungspsychopathologische Störung des zwischenmenschlichen Beziehungsverhaltens sollten nach derzeitiger Einschätzung des FVS entsprechende Behandlungsansätze in erster Linie im Indikationsbereich Psychosomatik realisiert werden. Bei Vorliegen einer zusätzlichen Abhängigkeitserkrankung sollte eine Behandlung im Indikationsbereich Sucht erfolgen. Jedoch befindet sich die Entwicklung entsprechender Beratungs- und Behandlungsstrukturen erst im Aufbau. Aus Sicht des FVS besteht hinsichtlich der Epidemiologie, Diagnostik, Beratung und Behandlung eindeutiger Forschungsbedarf.